Neue Actionhelden

Mittwoch, 8. März 2017
Nicolas Zogg

Gutes Spielzeug bietet Spielraum für Fantasie und Rollenmodelle. Freies Spiel fördert Intelligenz und vermeidet Geschlechterstereotype. Ein Plädoyer für den Tannenzapfen.

Die Vielfalt an Spielzeug ist riesig. Die meisten Spielsachen bestehen aus nicht nachwachsenden Rohstoffen, viele weisen eine schlechte Qualität auf. Es ist nicht vorgesehen, dass sie die nächsten Weihnachten erleben werden – geschweige denn das nächste Kind oder gar die nächste Generation. Spielzeug ist zum Konsumgut verkommen: es soll für kurze Zeit gefallen und unterhalten. Dabei prägt Spielzeug unsere Identität.

Durch Spielen lernen wir: eine Idee entsteht im Kopf und löst einen Handlungsimpuls aus. Die Handlung entwickelt sich weiter, löst Befriedigung oder Frustration aus. Allmählich vernetzen sich Taten mit Emotionen, Erfahrungen werden abgespeichert, wir entwickeln Handlungsroutinen und Werte. Im Spiel werden soziale Interaktionen ausgelotet und Konfliktbewältigung eingeübt. Neues entsteht spielerisch aus dem Nichts, Kreativität braucht die Leere. Die Bedeutung von Langeweile ist bei der Entwicklung von Intelligenzen längst erkannt. Das freie Spiel mit grossen Variations- und Gestaltungsmöglichkeiten wirkt Intelligenzfördernd und bietet Raum für emotionale Reifung.

Spielende beziehen die Umgebung ein und eignen sich den Raum an. Eine gestaltbare und nicht reizende Umgebung ist das ideale Spielfeld. In intensiv besiedelten Gebieten ist der Aussenraum häufig das Gegenteil von Spielfördernd. Dominiert durch Verkehr, Kosten-Nutzen-optimierte Gestaltungspläne und Vandalenakte, bestehen Freiräume höchstens noch in Nischen. Ohnehin gilt draussen als unsicher, wetterhaft, unbequem… Da bleiben wir heute lieber drinnen!

Der Innenraum ist häufig ebenfalls wenig Spielgerecht: das Schadpotential an den teuren Einrichtungsgegenständen muss gering gehalten werden, alltagsnahe Frei- und Gestaltungsräume fehlen. Ein Kinderzimmer, vollgestopft mit möglichst vielen Spielsachen, kompensiert die fehlende Kinderfreundlichkeit der anderen Räume. Die Spielsachen sind dabei meist Einzweck- (und Einweg-) Spielzeuge, mit einem klar definierten Zweck. Hier kommt der Actionheld Strychnix aus der Serie Brain Death, um seinen Planeten gegen die bösen Orks zu verteidigen – oder die Superpuppe Anne-Rexy, mit der Mission zu gefallen... Aber selten kommt das Spielzeug als Tannenzapfen daher, das je nach Situation als Laserschwert oder als Neugeborenes im eingesetzt bzw. bespielt werden kann.

Dabei macht genau dies ein gutes Spielzeug aus: dass es möglichst nichts kann, d.h. über keine vordefinierten Funktionen und Rollen verfügt. Sinnvolles Spielzeug kann vielfältig eingesetzt werden (und ist nachhaltig und fair und lokal hergestellt, versteht sich von selbst). Diese Vielfalt an Anwendungsmöglichkeiten ist auch für freie Entfaltung der Persönlichkeit inklusive der Geschlechterrollen notwendig. Kinder sollen sich aufgrund ihrer persönlichen Neigungen und Interessen entfalten können. Und nicht durch geschlechtsspezifisches Spielzeug in Rollen gedrängt werden.

Aber klar, dramatisieren ist falsch. Lasst Jungs mit Gewehren spielen. Wenn möglich wird das Gewehr durch einen Stecken dargestellt. Der auch zum Scheibenschlagen oder Kühetreiben verwendet werden kann… Ein Gewehr macht noch keinen machoiden Gewalttäter. Vielmehr kann ein momentanes Bedürfnis ausgelebt werden, und keine Fixierung entsteht. Die Interessen wandeln sich, gutes Spielzeug wandelt sich mit.

Die Industrie hat offenbar ein grosses Interesse daran, geschlechterspezifische Spielsachen herzustellen und zu verkaufen. Das kann und soll kritisiert werden, krass sexistische Produkte angeprangert oder boykottiert werden. Hersteller und Verkäufer von Spielsachen müssen ihre Verantwortung wahrnehmen. Doch leider besteht immer noch kein gesellschaftlicher Konsens darüber, wie geschlechtergerecht unsere Gesellschaft sein soll, ob Geschlechterrollen festgeschrieben sein sollen. Und schliesslich geht’s ja auch nur um Spielzeug… doch Spielen prägt das Leben, das Leben das Spiel. Oder poetischer: das Leben ist ein Spiel, und im eigentlichen Spiel wird das Leben eingeübt und verarbeitet.

Bleibt also wie meist die Verantwortung beim Konsument – als Eltern, Götti, Kinderkrippe, Schule etc. Und da besteht echtes Potential zur Revolution. Und stellen wir uns noch vor, es gäbe explizite gendergerechte Figuren: welche Attribute müssten diese aufweisen? Frauen müssten sicher mal einen Körper haben, der anatomisch sinnvoll ist und sie befähigt, auch einen strengen Winter zu überstehen. Und weiter? Ein Set mit den Typen Bussineswoman, Amazonenkriegerin, Baggerfahrerin z.B…? Und für Männer? Typ bierbäuchiger Hausmann mit drei kleinen Kindern, sexy Krankenpfleger, weinender Deserteur?

Ach, bleiben wir doch beim Tannenzapfen…

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