Feminismus und die Porno-Falle

Freitag, 17. März 2017
Nicolas Zogg

In einem Schweizer Gratis-Blatt wurde letzte Woche ein Artikel mit der Schlagzeile „Treibt der Feminismus Männer in die Porno-Falle?“ veröffentlicht. Die Aufregung war gross, die Aussagen von Markus Theunert, Generalsekretär von männer.ch umstritten. Nicolas Zogg, Botschafter bei männer.ch, hat nachgefragt.

Wie ist es zum Artikel gekommen?

Ganz banal und so wie das meistens geht: Man sitzt irgendwo, das Telefon klingelt, ein Journalist oder eine Journalistin möchte möglichst schnell eine Einschätzung zu einem Thema. Im konkreten Fall war die Frage: „Wie gehen Männer mit der neusten Feminismus-Welle um?“. Ich fand: Zu dieser Frage muss männer.ch Stellung beziehen. Und habe verschiedene Einschätzungen vorgenommen.

Welches waren deine Einschätzungen?

Ich habe verschiedene Annäherungen offeriert, alle ausgehend von der offensichtlichen Feststellung: Die Mehrheit aller Männer in der Schweiz erlebt die feministische Bewegung nicht als Befreiungskampf, auf den sie jubelnd gewartet haben. Es gibt ganz verschiedene Formen des Umgangs – von offener Solidarität über etliche Variationen lauwarmer taktischer Unterstützung bis hin zu offener Feindseligkeit. Diese Spannungsfelder habe ich aufzuzeigen und an Beispielen zu illustrieren versucht. Eins davon ist eben auch eine Frage, welche die meisten Männer – vor allem auch die jungen – beschäftigt: Wie soll das jetzt und in Zukunft gehen mit Flirten, Begehren und körperlich Lieben? Das baut ja heute auf klaren geschlechtliche Zuordnungen nach dem Muster „Sie gibt ein Signal, er vollzieht den Schritt“. Wenn diese geschlechtlichen Zuordnungen gesellschaftlich immer mehr problematisiert werden: Was gilt denn jetzt? Da gibt es doch beidseits grosses Frustrationspotenzial und entsprechenden Verständigungsbedarf. Ich finde das alles so offensichtlich, dass mir das Rechtfertigen widerstrebt, ob man solche Fragen überhaupt thematisieren soll oder darf.

Lässt sich die Verunsicherung junger Männer belegen?

Ja klar.

Nämlich? Und was sind die Ursachen der Verunsicherung und wie wirkt sie sich aus?

Die jungen Männer stehen in einem massiven Spannungsfeld: Noch immer gelten die uralten Männlichkeitsnormen, gleichzeitig kommen neue Männlichkeitsnormen dazu – soziale und emotionale Kompetenzen etc. – und dann auch noch neue Weiblichkeitsnormen und gesellschaftliche Bewusstseinsprozesse. Das muss ja zu einer riesigen Verunsicherung führen. Bezogen auf das Thema Sexualität ist doch die Botschaft ja etwa die: sei stark, sei mutig, sei selbstbewusst, sag was du brauchst und was du möchtest, sei aber niemals aggressiv, übergriffig, frustriert oder sonstwie dominant, pflege deinen Körper und kräftige ihn wie eine Skulptur, bleibe dabei stets uneitel und bodenständig, sei zudem stets auf dein Gegenüber bezogen und spüre gut, was es jetzt braucht, sei Hengst und Schmusekater in Personalunion etc. Wirklich extrem widersprüchlich. Ich mein ich frage mich ja schon: Wenn Spannungsfelder dermassen offensichtlich vorhanden sind, woher kommt der Drang, das empirisch belegt sehen zu wollen?

Hmm… gerade in linken Kreisen ist Feminismus unterdessen fast schon Mainstream, und für junge Männer ist Gleichberechtigung selbstverständlich. Und die wenigsten Männer zeigen, dass sie verunsichert sind. Und es würde auch nicht ins Klischee des souveränen Mannes passen, das auch bei Feministinnen nicht völlig verschwunden ist. Vielleicht deshalb? Viele empfanden deine Aussagen, Feminismus verunsichere junge Männer, als Schuldzuweisung an den Feminismus. Wie erklärst du dir diese Reaktionen?

Das ist wahrscheinlich schon ein blinder Fleck. Feminismus macht alle zu Gewinner(inne)n: Das ist ja eine zentrale feministische Aussage. Sie stimmt auch: Langfristig glaube ich selber auch, dass eine feministische Gesellschaft allen Menschen mehr Freiheit bringt als das heutige System. Aber: Der Prozess dorthin ist schmerzhaft. All die Männer, die  immer noch meinen, Teil der unhinterfragbaren Norm, der stille Mittelpunkt der Gesellschaft zu sein, die müssen jetzt erst mal vom Sockel steigen. Das ist eine echte Herausforderung. Wir müssen ihnen Brücken bauen. Und dafür braucht es etwas Raum und Vertrauen. Das vermisse ich noch.

Und wie steht es mit der Kausalität zwischen Feminismus und Pornokonsum? Es ist ja nicht so, dass die Verunsicherung bei Männern zwingend dazu führt, dass sie Beziehungsunfähig werden und Sexualität in menschlichen Beziehungen durch Pornographie ersetzt wird, oder?

Nein, natürlich nicht zwingend. Aber in Einzelfällen scheint dieser Mechanismus zu spielen. Aber der Zusammenhang ist dermassen komplex. Es ist ja kein Zufall, dass Pornografie auch gerade die feministischen Generationen spaltet. Die jüngeren Frauen sehen darin eher die Befreiungspotenziale als die Unterdrückungsmechanismen. Ich würde da nie von einfachen Kausalitäten ausgehen.

Im Artikel folgte auf die Aussage, dass Männer ihre dominierende Rolle in der Arbeitswelt verlieren würden, ein Zitat von dir: «Und was macht die Politik? Gar nichts. Sie hat noch kein Bewusstsein für dieses Problem. Sie versagt.». Das kann ja schon so missverstanden werden, dass die Politik etwas gegen den Verlust der männlichen Dominanz in der Arbeitswelt unternehmen muss.

Ja, das ist sehr unglücklich zusammengestellt worden. Wir sind für Gleichberechtigung. Dazu gehört auch, dass Männer ihre Dominanz in der Arbeitswelt verlieren. Häme gegenüber den von diesem Wandel betroffenen Männern ist fehl am Platz. Im Gegenteil, es braucht mehr Unterstützungsangebote für Männer in Wandlungsprozessen. Das Frustrationspotential ist enorm und Prävention notwendig.

Share buttons

Neuen Kommentar schreiben

CAPTCHA
Diese Frage hilft uns Spameinträge zu vermeiden.