Sollen Männer Feministen sein?

Montag, 10. April 2017
Markus Theunert
1 Kommentare

Die rege Beteiligung von Männern am Women’s March hat einer Frage neue Aktualität verliehen: Sollen und können Männer Feministen sein? männer.ch nimmt Stellung.

1. DER Feminismus existiert nicht.

Queerfeminismus, Gleichstellungsfeminismus, Differenzfeminismus... Es gibt eine Vielzahl von Feminismen mit unterschiedlichen Schwerpunkten, Werten, Strategien.

Wenn ein Mann ohne weitere Differenzierung von sich sagt, er sei «Feminist», ist das deshalb erst mal eine ziemlich lose Ansage. Etwa so trennscharf wie die Selbstbezeichnung als «Konservativer» oder «Progressiver». Eine grobe Verortung. Ein Hinweis auf ein Zugehörigkeitsbedürfnis. Vielleicht Ausdruck von Solidarität. Aber ohne Erklärung und Tatbeweis eine ziemliche Leerformel, die uns aus Erfahrung erst mal hellhörig macht.

2. Feminismus ist sowohl Erfahrung wie Erkenntnis.

Die Sache wird noch komplizierter. Es gibt ja nicht nur eine Vielzahl von Feminismen, sondern auch unterschiedliche Verständnisse darüber, was dieser –ismus überhaupt sei.

Für manche ist Feminismus eine Erfahrungstatsache: nämlich die Erfahrung, als Frau nicht einfach als Mensch, sondern eben als Frau behandelt zu werden. In diesem Verständnis ist es logisch unsinnig (oder unglaublich anmassend), wenn sich ein Mann als «Feminist» bezeichnet, fehlt ihm doch eben gerade diese persönliche Betroffenheit.

Für andere ist Feminismus ein Werkzeug, eine analytische Herangehensweise. Sie basiert auf der Erkenntnis, dass Geschlechterverhältnisse keineswegs «natürlich» gegeben, sondern immer Ausdruck von (Macht-)Interessen sind. In dieser Lesart können Männer sehr wohl Feministen sein, wenn sie sich dem Kampf gegen ungerechte Geschlechterverhältnisse anschliessen.

Aus progressiver Männersicht stellt sich aber die Frage, ob diese Form der Unterstützung a) der glaubwürdigste und b) der wertvollste Beitrag ist, den Männer leisten können? Unsere Antwort: Nein.

3. Profeministisch ist gut genug.

männer.ch hat nach 12 Jahren Existenz und Arbeit eine klare Identität: Wir sind das Dach der progressiven Männer und Väter. Wir vereinen unter diesem progressiven Dach sowohl profeministische wie emanzipatorische Kräfte.

Diese Selbstdefinition beinhaltet eine doppelte Differenzierung: Wir verstehen uns explizit nicht als Feministen, sondern als Profeministen. Und wir schaffen auch Platz für jene Männer, denen die Selbstbezeichnung Profeminist zu weit geht, weil ihnen die Emanzipation der Männer (von patriarchalen Rollenkorsetten und Machtstrukturen) um ihrer selbst willen am Herzen liegt.

Warum sind wir Profeministen statt Feministen?

Erstens: Um Missverständnissen und unnötigen Diskussionen vorzubeugen (siehe oben).

Zweitens: Um etwas Demut und Vorsicht walten zu lassen. Wir haben ja durchschaut, welche Illusionen uns eingeimpft wurden, damit wir uns männlich fühlen. Zum Beispiel die Illusion, dass unser Wort mehr Gewicht und unsere Meinung mehr Wert hat als die aller Nicht-Männer. Wir finden es aber keine schöne Vorstellung, wenn männliche Feministen Frauen zu erklären beginnen, wie Feminismus besser geht. Wir müssen auch nicht dabei sein, wenn Männer zu wetteifern beginnen, wer der noch bessere Feminist ist. Da nehmen wir uns lieber von Beginn weg aus diesem Rennen der Macker mit pinken Kappen.

Drittens: Um Raum zu schaffen für einen Mehrwert männlicher Beteiligung am Gleichstellungsprozess: Wir wissen als Männer doch am besten, wie das Patriarchat funktioniert und welchen Schaden es anrichtet. Das Patriarchat ist für uns keine Herrschaft der Männer. Sondern die Herrschaft eines männlich geprägten Leistungsprinzips, das Fremd- und Selbstausbeutung zur Norm und Qualität erklärt. Die Herrschaft eines Systems von Abwertung und Spaltung, das uns kranke Bonsai-Männer als «echte Kerle» verkaufen will. Dieses Knowhow nutzen wir. Wir sind Whistleblower. Wir sind lustvolle Verräter des Patriarchats. Eine noble Aufgabe, finden wir. Und vor allem eine Aufgabe, für die es Menschen braucht, die zu Männern gemacht wurden. Weil nur diese Menschen wissen, wie die Tricks und Incentives funktionieren, mit denen wir zu Männern gemacht wurden und mit denen wir bei Laune gehalten werden auch wenn in unserer Seele die Wüste beginnt.

Viertens: Aus Respekt. Emanzipation ist eine Riesenaufgabe für alle. Wir schicken uns an, Strukturen und Normen zu verändern, die den Interessen der Mächtigen entsprechen und über mehrere Generationen streng eingeübt wurden. Das kann ja nicht schmerzfrei gehen. Um diesen Kampf zu fechten und als Männer Wege ins Offene zu finden, braucht es unsere ganze Aufmerksamkeit und Kraft. In dieser Situation den Frauen ritterlich zur Seite stehen zu wollen, ist für uns Ausdruck einer völligen Selbstüberschätzung und einer ziemlichen Ignoranz gegenüber der Aufgabe, die wir Männer zu lösen haben: uns selbst zu befreien.

Kommentare

Die Frage, ob Männer sich Feministen nennen dürfen, habe ich mit meiner Frau, meinen Freundinnen und Arbeitskolleginnen diskutiert und wie zu erwarten war die Diskussion kontrovers und der Ausgang offen - obwohl schon eine Tendenz zur Inklusion vorhanden war.
So positiv - oder in ihren Worten „progressiv“ oder „emanzipatorisch“ - sich der Text gab, drängte sich in mir der Verdacht auf, dass ihre Position auf Folgendes hinausläuft:
- „Differenzierung, Erklärung und Tatbeweis“: Dieser Absatz unterstellt den bspw. am Womens March partizipierenden Männern einen unreflektierten Lifestyle-Feminismus. Eine Spitze, die implizit auch gegen bestimmte partizipierende Frauen gerichtet ist.
- Feminismus als „Erfahrungstatsache“: Universalisiert bedeutet dies, dass man als weisser, männlicher, heterosexueller Bürgerlicher sich authentisch und d.h. legitim nur für die eigenen Interessen engagieren und sich z.B. nie als Anti-Rassist, Anti-Sexist, Anti-Kapitalist etc. bezeichnen könne.
- Feminismus als „Werkzeug“: Ein Zugeständnis, diese Erkenntnis und die darauf aufbauende Gesellschaftskritik und -politik könnten auch Männer haben, aber - hier der Rückzug - diese Form der Unterstützung sei nicht „glaubwürdig“ und nicht der „wertvollste Beitrag“. Warum?
- „Profeministische wie emanzipatorische Kräfte“: Maenner.ch wolle auch Platz haben für jene Männer für die Profeminismus geschweige denn Feminismus „zu weit geht“ - also Männer die sich nur für die Befreiung der Männer interessieren oder Männer für die der Feminismus ein rotes Tuch zu sein scheint. Man beachte: Es geht jetzt nicht mehr um Männer allgemein, sondern um die Organisation maenner.ch.
- „Demut und Vorsicht“: Die noble Geste - Maenner.ch wolle sich keines mansplainings schuldig machen und überlasse deshalb das Feld den Frauen. Mindestens zwei nicht notwendige Voraussetzungen: (1) Feministen mansplainen Feministinnen (2) Feministen interagieren nur mit Frauen und Feministen. Weshalb sollen Feministen sich nicht kooperativ am Diskurs beteiligen können? Und weshalb können Feministen sich nicht kooperativ gegen sexistische Praktiken von Männern und Institutionen wenden?
- „Mehrwert männlicher Beteiligung am Gleichstellungsprozess“: Die noble Aufgabe - Das Insider-Wissen autorisiere zum whistleblowing und zur Revolution. Nur Männer könnten letztlich wirklich und effektiv Männer und patriarchale Strukturen bekämpfen. Damit aber degradieren sie den Gleichstellungskampf der Frauen, da sie ja dieses „Knowhow“ nicht haben können. Hätten Frauen aber nicht ein anderes aber ebenso relevantes „Knowhow“? Hat die Frauenbewegung nach jahrhundertelangem und notabene allergrösstenteils friedlichem Kampf nichts erreicht? Hat nicht dieselbe Frauenbewegung die auch für Männer toxischen patriarchalen Strukturen erst ans Licht gebracht und als falsche Selbstverständlichkeit zu hinterfragen begonnen? Weshalb sollen Frauen wie Männer nicht Seite an Seite in wechselseitiger Kooperation gegen sexistische Strukturen kämpfen?
- „Respekt, Aufmerksamkeit und Kraft“: Trotz aller noblen Taten dennoch kein Ritter - Den Frauen zur Seite stehen benötigte zu viel Kraft, man würde sich selbst überschätzen. Man müsse sich als Mann einzig auf die Befreiung der Männer konzentrieren. Also ein pragmatisches Argument. Letztlich heisst dies also: Männer kämpfen einzig für Männer, Frauen einzig für Frauen (wobei manche Männer gegen Frauen kämpfen, manche Frauen gegen Männer). Diese Haltung könnte man bei aller Nobilität und Unritterlichkeit als jene eines aufgeklärten gentlemans beschreiben, der als bystander von der Strassenseite den Suffragetten zunickt.
- Gott bewahre jemand überwinde das divide et impera und Frauen wie Männer kämpfen vereint an allen Fronten gegen das System.

So löblich ihr Eintreten für ihren Begriff von Profeminismus ist, so ist mein Hauptverdacht, dass sie, falls sie sich den Feminismus auf die Fahnen schreiben würden, viele von ihrer Organisation verprellen würden. In diesem Fall wäre die wichtigste Arbeit die, den Feminismus als nicht gegen Männer per se zu vermitteln - so wie die Feministinnen ihre Feminismen nicht als gegen Männer per se gestalten müssten. Die intrikate Schwierigkeit besteht m.M. darin, dass es äusserst schwierig ist, Strukturen zu bekämpfen, ohne die involvierten Individuen persönlich zu attackieren. Ja, man müsste Frauen wie Männern aufzeigen können, dass die Gründe für die jeweilige strukturelle Gewalt gemeinsame sind.

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