MenCare: Alles zur Medienkonferenz

30 Mai 16
Markus Theunert

MenCare ist eine globale Kampagne zur Förderung väterlichen Engagements. männer.ch bringt MenCare als nationales Programm in die Schweiz. Am 30. Mai 2016 haben wir das Programm mit einer Medienkonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt. Gleichentags öffnete die MenCare-Ausstellung des schwedischen Fotografen Johan Bävman im Berner Generationenhaus seine Tore. Auch ging das Webportal mencare.swiss online. 

Schlusslicht Schweiz: In keinem anderen Land Europas ist die bezahlte Arbeit zwischen Männern und Frauen so ungleich wie in der Schweiz verteilt[i]. Nur noch in Albanien und Irland wird Männern auch jeglicher Anspruch auf zeitliche Entlastung rund um die Familiengründung verweigert. Und während die väterfreundlichen Länder in Europas Norden die Rangliste anführen, stagniert die Geburtenrate in der Schweiz unter dem europäischen Schnitt (1.50 / 1.59)[ii].

Diese wenigen Fakten machen deutlich: Wir sind weit von der Umsetzung des Verfassungsauftrags «Tatsächliche Gleichstellung in allen Lebensbereichen» (Art. 8 Abs. 3 BV[iii]) entfernt. Und die Entwicklung kommt kaum voran.

Fair heisst hälftig

In dieser Situation bringt männer.ch, der Dachverband Schweizer Männer- und Väterorganisationen, zusammen mit dem Schweizerischen Institut für Männer- und Geschlechterfragen (SIMG) die globale  MenCare-Kampagne[iv] als nationales Programm in die Schweiz.

Unsere Überzeugung: Alle Belastungen und Ressourcen zwischen den Geschlechtern fair zu verteilen, muss auch heissen, dass die Verant­wortung für bezahlte und unbezahlte Arbeit zwischen Männern und Frauen hälftig verteilt wird. Nimmt man keine biologische Neigung von Frauen zur Familien-, Haus- und Pflegearbeit an – und diese Annahme lässt sich heute kaum mehr ernsthaft vertreten – führt an dieser Schlussfolgerung kein Weg vorbei.

Doch wie soll das gehen?

Indem Frauen mehr Erwerbsarbeit und Männer mehr Care-Arbeit leisten.

Um Ersteres, die Versorgung des Arbeitsmarkts mit weiblichen Humanressourcen, kümmert sich bereits der Staat konzertiert im Rahmen seiner Fachkräfte-Initiative. Die notwendige komplementäre Bewegung – die Ermöglichung und Ermutigung von mehr Sorge-Arbeit von Männern – blendet er hingegen aus. Hier springt männer.ch in die Lücke.

Angelegt auf zwölf Jahre und finanziert durch vier grosse Förder­stiftungen forciert das nationale Programm MenCare Schweiz die Wertedebatte und den Wertewandel. Die ehrgeizige Vision: eine Gesellschaft, in der Männer ganz selbstverständlich Sorge tragen und Verantwortung übernehmen für Kinder, Beziehungen und sich selbst – eine Gesellschaft, in der männliche Fürsorge entscheidend dazu beigetragen hat, gerechte Geschlechterverhältnisse und soziale Gerechtigkeit zu verwirklichen.

Die Forschung zeigt: Väterliches Betreuungsengagement wirkt sich positiv auf die kognitive, emotionale und soziale Entwicklung von Babies und Kindern aus, stärkt die Sicherheit und Stabilität der Familien, fördert die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Mütter und hält Väter gesund. Davon profitiert die ganze Volkswirtschaft. In der Schweizer Familienrealität bleibt es – zumindest werktags – trotzdem meist beim Wunsch.

Vater, Pfleger, Lehrer

Um dies zu ändern, arbeitet MenCare Schweiz in fünf Handlungsfeldern (Grundlagen, Öffentlichkeit, Politik, Institutionen und Unternehmen sowie sozialer Nahraum). Das nationale Programm ist als Dach für eine Vielzahl von Teilprojekten konzipiert, die zum Teil bereits entwickelt sind und zum Teil erst entwickelt werden. Dabei arbeitet MenCare Schweiz konsequent in Kooperationen: Teilprojekte entstehen in Zusammenarbeit mit den wichtigen Akteuren im Feld.

MenCare bezieht sich auf den Fachbegriff der Caring Masculinities. Dabei steht die fachlich und politisch hochaktuelle[v] Frage im Zentrum, welche Politiken welche Rahmenbedingungen schaffen können und müssen, um tatsächliche Wahlfreiheit und ein verstärktes Care-Engagement von Männern zu fördern – und so zur gerechten Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit beizutragen. Dies ist auch Schwerpunkt der dritten internationalen Männerpolitik-Konferenz, welche nach Berlin (2012) und Wien (2014) am 17./18. Oktober 2016 in Luxemburg statt­findet (www.mega.public.lu/fr/agenda/2016/10/icmeo/index.html).

Caring Masculinities öffnen ein weites Feld, das die väterliche Kinderbetreuung genau so einbezieht wie männliche Selbstsorge, die Beteiligung in der Hausarbeit, das professionelle Engagement von Männern in Care-Berufen, die Pflege kranker Angehöriger oder das ehrenamtliche Engagement von Männern in Gemeinde, Kirche und Vereinswesen. Das Thema zielt deshalb auch nicht nur auf die Gleichstellungspolitik. Es spricht ebenso Arbeitsmarkt-, Sozial-, Gesundheits-, Familien- und Bildungspolitik an und lädt zur Diskussion ein, welches Potenzial «Politiken für sorgende Männlichkeiten» (politics of caring masculinities) zur Lösung politischer und gesellschaftlicher Herausforderungen jenseits der Gleichstellungsfrage haben.

MenCare Schweiz trägt dieser Vielfalt Rechnung. Vordergründig spricht MenCare die Förderung väterlichen Einbezugs an, hinter­gründig die Förderung eines Sorge tragenden Weltbezugs, der in den letzten 250 Jahren nicht mehr Bestandteil der herrschenden Männlich­keitsnormen war. MenCare ist deshalb mehr als ein Versuch, Männern Beine zu machen und/oder an ihre Fairness zu appellieren. MenCare will die Brücke schlagen zur männlichen Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben jenseits von Selbst- und Fremdausbeutung.

Fotoausstellung und Newsportal

Pünktlich zum 10. Schweizer Vätertag vom 5. Juni 2016 tritt MenCare Schweiz nach über zweijähriger Vorarbeit an die Öffentlichkeit: Den Auftakt macht MenCare Schweiz mit der gleichnamigen Foto­ausstellung des schwedischen Künstlers Johan Bävman. Dieser hat mit seiner dokumentarischen Serie «Swedish Dads» international für Aufsehen gesorgt. Wir haben ihn in die Schweiz eingeladen. Seine Swiss Dads-Serie ist vom 30. Mai bis 29. Juli 2016 im Berner Generationenhaus kostenlos für die Öffentlichkeit zugänglich. Zeitgleich mit der Lancierung eröffnen wir unter www.mencare.swiss ein neues Portal für alle Themen, die Männer beschäftigen. Zudem veröffentlichen wir den ersten MenCare Schweiz-Report mit dem vielsagenden Titel «Vaterland Schweiz».

Für die zweite Jahreshälfte ist ein spezieller Lancierungsanlass in der Westschweiz geplant. MenCare Schweiz soll als nationales Programm in allen Sprachregionen wirken. Die Strategieentwicklung und –umsetzung erfolgt jedoch etappiert.

Download

Die Unterlagen zur Medienkonferenz stehen unter www.mencare.swiss/de/alles-zur-medienkonferenz elektronisch zur Verfügung.

 

Auskunft

Markus Theunert, Leiter des nationalen Programms MenCare Schweiz, Tel. 079 238 85 12, theunert@maenner.ch

Andreas Borter, Leiter Schweizerisches Institut für Männer- und Geschlechterfragen, 079 746 39 62, borter@simg.ch

 

[i] Scambor, Elli et al. (2012). The Role of Men in Gender Equality – European Insights and Strategies. Luxemburg: Publications Office of the European Union, S. 45. Download: http://ec.europa.eu/justice/gender-equality/files/gender_pay_gap/130424_final_report_role_of_men_en.pdf

[ii] ebd., S. 101

[iii] «Mann und Frau sind gleichberechtigt. Das Gesetz sorgt für ihre rechtliche und tatsächliche Gleichstellung, vor allem in Familie, Ausbildung und Arbeit. Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit.»

[iv] Siehe www.men-care.org

[v] Vgl. Report on the State of the World’s Fathers (www.sowf.men-care.org) und die Studie Engendering Men: Evidence on Routes to Gender Equality (https://www.ids.ac.uk/project/engendering-men-evidence-on-routes-to-change-for-gender-equality-emerge).

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