Relationale Gleichstellungspolitik

Das unilaterale Gleichstellungsparadigma der 1980er- und 1990er-Jahre bekennt sich klar zur Förderung von Frauen mit dem Ziel, ihnen gleiche Teilhabe am (Erwerbs-)Leben, an der politischen und ökonomischen Macht zu verschaffen. Zielgruppe und Akteure der Veränderung sind in dieser Perspektive nur die Frauen. Männer leisten einen Beitrag im Sinn von «Helfen» und/oder «Platz machen».

Das bilaterale Gleichstellungsparadigma, das sich – auch im Zug der Verankerung von Gender Mainstreaming – seit rund 10-15 Jahren durchzusetzen begonnen hat, behält die Frauenförderungslogik bei, erweitert sich aber als Folge der bedingten Wirksamkeit des unilateralen Ansatzes. Männer werden nun selbst zur gleichstellungspolitischen Zielgruppe, aber noch nicht zu eigenständigen Akteuren. Die Frage nach den Wünschen, Bedürfnissen und Anliegen der Männer stellt sich nicht, da die gleichstellungspolitische Agenda bereits definiert ist. Männer sind vielmehr aufgefordert, sich in der Umsetzung immer dort aktiv zu beteiligen, wo Frauenförderung ohne männliche Beteiligung an Grenzen stösst. So legitimieren sich in politischen Diskursen männerspezifische Massnahmen in der Regel über die indirekte Wirkung: Väterzeit braucht es in dieser Optik beispielsweise nicht, damit Väter Zeit für ihre Kinder haben, sondern weil Frauen ohne stärkere Beteiligung der Väter in der Kinderbetreuung keine Zeit für ein erhöhtes Engagement in der Erwerbsarbeit finden. Wie die realen Entwicklungen – beispielsweise die Persistenz, mit der sich die Ungleichverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit hält – zeigen, stossen auch diese Bemühungen an ihre Grenzen. Das vermag nicht wirklich zu erstaunen, ist es für Männer doch naheliegenderweise wenig attraktiv, blosse Zielgruppe zu sein, emanzipiert zu werden. Männer sind das Mittel zum Zweck.

Der Übergang von einem bilateralen zu einem relationalen Paradigma mutet auf den ersten Blick klein an: In beiden Fällen bleiben Frauen wie Männer gleichermassen gleichstellungspolitische Zielgruppe. Der qualitative Schritt ist aber gross. Denn in einem relationalen Paradigma werden Jungen, Männer und Väter selbst auch zu Akteuren und Agenten des Wandels. Nimmt man diese Aufforderung ernst, verlässt man schnell die Komfortzone. Denn nun geht es nicht mehr darum, mit Hilfe von Männern die definierte Agenda umzusetzen, sondern gemeinsam mit Männern die Agenda überhaupt erst zu definieren. Gleichstellungspolitische Massnahmen können nun also auch legitim sein, wenn sie «nur» die Chancengleichheit für Jungen, Männern und Vätern selbst erhöhen (beispielsweise die Chance von jungen Männern, einen «unmännlichen», aber zukunftssicheren Beruf erlernen zu können). Gleichstellungspolitische Definitionsmacht müsste nun geteilt werden. In der Praxis wird dies oft mit dem Verweis abgewehrt, dass solch ein Schritt erst zumutbar sei, wenn die Benachteiligungen der Frauen bis ins Letzte abgetragen sind. Hier klingt das Motiv der ausgleichenden Ungerechtigkeit an, das sich in der Geschlechterpolitik gern Raum verschafft. Umgekehrt gibt es durchaus Entwicklungen – beispielsweise die Einrichtung des Referats Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer innerhalb des bundesdeutschen Ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BFMSJ) – welche in Richtung relationaler Gleichstellungsansätze zielen.

Der Übergang vom bilateralen zum relationalen Paradigma hat eine weitere Konsequenz: Die Geschlechterfrage ist nun nicht mehr die Summe von Frauen- und Männerfragen, sondern wird auch zu einer Beziehungsfrage. Das Dritte – die Interdependenz – kommt ins Blickfeld. Im mikrosozialen Bereich ist das die Ebene der Paarbeziehung, im makrosozialen Bereich die Ebene der Geschlechterverhältnisse, im politischen Bereich die Ebene des Geschlechterdialogs.

 
   

Aus Sicht gleichstellungsorientierter Männerpolitiken können folgende Leitsätze eines relationalen Politikansatzes formuliert werden (siehe Theunert, 2012):

1. Ebene Selbstverständnis: Männer und Frauen bilden ein System[1]. Veränderungen des einen Geschlechts haben einen Einfluss auf das andere Geschlecht. Der Übergang von der rechtlichen zur tatsächlichen Gleichstellung ist nur in Anerkennung dieses relationalen Charakters der Geschlechterverhältnisse zu schaffen. Frauen, Männer und ihre wechselseitigen Abhängigkeiten stehen gleichwertig im Fokus der Aufmerksamkeit. In der gleichstellungspolitischen Umsetzung finden sowohl je eigene Perspektiven und Aufgaben beider Geschlechter wie auch geschlechterübergreifende Anliegen ihren Platz und ihre Berechtigung.

2. Ebene Vision: Individuelle Chancengleichheit (jeder Mann und jede Frau kann das tun und lassen, was er resp. sie will) und kollektive Geschlechtergerechtigkeit (faire Verteilung von Erwerbsarbeit und Nicht-Erwerbsarbeit, Teilhabe am Care-Bereich, Gesundheit etc. zwischen den Geschlechtern) sind realisiert. Gleichstellungspolitik löst sich vom quantitativen Aufrechnen von Benachteiligungen und strebt die Gleichwertigkeit von Lebensgestaltungschancen für Frauen und Männer unabhängig ihres Geschlechts, ihrer sozioökonomischen Herkunft, ihrer sexuellen Identität etc. in qualitativen Ansätzen an.

3. Ebene Ziel: Relationale Gleichstellungspolitik ist weit mehr als Frauenförderung – auch mehr als Jungen- und Männerförderung. Sie verpflichtet sich dem Leitziel einer umfassenden Neugestaltung der Geschlechterverhältnisse mit dem Horizont realer Chancengleichheit. Die gleichstellungspolitische Agenda wird geschlechtsspezifisch und geschlechtsübergreifend überprüft und neu ausgehandelt.

4. Ebene Massnahmen: Gleichstellungspolitik muss den relationalen Charakter einer umfassenden Neugestaltung der Geschlechterverhältnisse berücksichtigen, indem sie ihre Massnahmen auf beide Geschlechter abstimmt, d.h. einerseits geschlechtsspezifisch differenzierte Strategien und Massnahmen entwickelt, andererseits aber auch deren Wechselwirkungen geschlechterdialogisch reflektiert und mit einbezieht. (Frauen und Männer als gleichstellungspolitische Zielgruppen zu anerkennen, ist nicht das Gleiche!)

5. Ebene Kultur: Relationale Gleichstellungspolitik baut nicht auf Appellen an die Adresse des je anderen Geschlechts, sondern etabliert eine Kultur des wertschätzenden Annehmens der Beiträge des je anderen Geschlechts als Ausgangslage für eine kooperative und solidarische Neugestaltung der Geschlechterverhältnisse. Definitionsmacht wird geteilt, der Geschlechterdialog auf Augenhöhe geführt.

In der Umsetzung ist eine relationale Geschlechterpolitik immer ein Dreifaches, bestehend aus je geschlechtsspezifischen und geschlechterübergreifenden Fragen/Strategien/Herangehensweisen.

 

 

[1] Diese Aussage in ihrer zweigeschlechtlichen Reduktion ist deskriptiv, nicht normativ zu verstehen! Die grosse Mehrheit der Menschen heute erlebt sich selbst als Mann oder Frau. Das ist geschlechterpolitisch die Ausgangslage für Veränderung. Die Auflösung der Binarität Männer/Frauen ist die Perspektive, nicht der Startpunkt.