Triple Advocacy

Erich Lehner und Christa Schnabl haben 2005 drei Formen möglicher «Männerpolitiken» beschrieben[1]: geschlechtsblinde Politik männlicher Politiker, anwaltschaftliche Klientelpolitik im Interesse von Männern und politische Beiträge von Männern für das übergreifende Ziel Geschlechtergerechtigkeit. In der Weiterentwicklung der Arbeiten von Messner und Lehner/Schnabl bildete sich in der Entwicklung von männer.ch das Konzept der triple advocacy heraus. Wir machen es uns in dieser Perspektive zur Aufgabe, drei Anwaltschaftlichkeiten – und auch drei Verantwortlichkeiten (triple accountability) – miteinander in Einklang zu bringen. Wir sehen uns dabei gleichwertig und gleichzeitig als

  • Sprachrohr für männliche Verletzlichkeiten, Anliegen und Potenziale
  • Unterstützer und Kooperationspartner für Frauenorganisationen, -anliegen und –rechte
  • Teil einer Allianz für Geschlechtervielfalt und soziale Gerechtigkeit

Auf Massnahmenebene mögen diese drei Haltungen zu ähnlichen Schlüssen führen. Auf einer grundsätzlichen Ebene ist die Unterscheidung aber essenziell, bedarf geschlechterpolitisches Engagement progressiver Männer doch stets einer sauberen Rollenklärung im Umgang mit dem unausweichlichen Spannungsfeld, in dem sie sich bewegen:

Als Unterstützende der Kritik an Strukturen, Kulturen und Prozessen männlicher Herrschaft (Ebene 1) bekämpfen sie hegemoniale Männlichkeit, Androzentrismus und Sexismus, indem sie Alternativen geschlechtergerechter Verhältnisse aufzeigen und erreichen (helfen). Als Menschen männlichen Geschlechts können sie sich jedoch wie beschrieben der Teilhabe an der «patriarchalen Dividende» (Connell) nicht (vollständig) entziehen. Auch der emanzipierteste oder der «weiblichste» Mann ist nicht nur Mit-Leidtragender, sondern auch Mit-Profiteur der herrschenden Geschlechterverhältnisse. Wenn Männer in ihrem geschlechterpolitischen Handeln nicht selbst geschlechtsblind agieren wollen, müssen sie sich als Männer in allen drei Aspekten zu ihrem eigenen geschlechterpolitischen Verhalten befragen. Das ist eben gerade nicht Identitätspolitik und Nabelschau (vgl. Geppert & Scheele 2013), sondern ein Gebot politischer Lauterkeit und persönlicher Verantwortlichkeit. triple advocacy heisst dann, eine kontinuierliche Balance herzustellen zwischen dem Anspruch auf Unterstützung der definierten gleichstellungspolitischen Agenda und dem Anspruch, Antworten auf die Frage zu geben, was Jungen, Männer und Väter bewegt und/oder was sie brauchen, um in Bewegung zu kommen. Daraus ergibt sich erstens das Bekenntnis, für Geschlechtergerechtigkeit zu kämpfen – und damit dem Geschlechterkampf eine programmatische Absage zu erteilen. Daraus ergibt sich zweitens auch der Anspruch, eigenständige Perspektiven von Jungen, Männern und Vätern als Beiträge einer relationalen Geschlechterpolitik in den Geschlechterdialog zu tragen.

 

[1] Lehner, Erich & Schnabl, Christa (2005). Geschlechtergerechte Politik. Grundlagen für die Konzeption von Männerpolitik. In: Krall, Hannes (Hrsg.). Jungen- und Männerarbeit. Bildung, Beratung und Begegnung auf der «Baustelle» Mann, S. 221-236. Wiesbaden: VS Verlag