4 Fragen an Markus Theunert zur Familiengründung

Die Zeit der Familiengründung erleben viele Paare als einen Höhenflug des Glücks. Die glänzenden Kinderaugen lassen die Welt in neuem Licht erstrahlen. Sie stellt aber auch eine psychische wie körperliche Grenzerfahrung dar, wenn Dich das plärrende Baby gefühlt zu hundertsten Mal aus dem Schlaf reisst. Kurzum: Der Alltag verändert sich durch die Bedürfnisse des Neugeborenen fundamental, Zeitautonomie wird zum Fremdwort. Besonders heikel: Viele Paare fallen aufgrund der herrschenden Rahmenbedingungen und Wertvorstellungen zurück in eine klassische Rollenverteilung – Männer arbeiten Vollzeit, Frauen übernehmen zuhause die Hauptlast der anfallenden Arbeit.

Wir stellten Markus Theunert, Leiter MenCare Schweiz und Mitglied der Geschäftsleitung, diesbezüglich ein paar Fragen.

 

Wieso ist die Familiengründung zum jetzigen Zeitpunkt wichtig als öffentliches Thema?

Familie wird in der Schweiz stark als «reine Privatsache» abgehandelt. Dabei ist die Evidenz sowohl gleichstellungs- wie gesundheitspolitisch völlig klar: Die Phase der Familiengründung ist nicht nur für die Familie selbst eine sensible Phase, sondern eben auch für die Chancengleichheit. Einerseits öffnet sich genau zum Zeitpunkt der Familiengründung die Traditionsschere zwischen den Geschlechtern: die frisch gebackenen Mütter reduzieren ihre Erwerbsarbeit oder hören ganz auf damit – und die Väter steigern im statistischen Schnitt noch ihr Pensum. Andererseits beginnen zur gleichen Zeit auch die sozialen Ungleichheitsmechanismen zu wirken. Denn je nach familiärem Umfeld haben schon Babies ganz unterschiedliche Lern- und Erlebniswelten, entwickeln sich unterschiedlich rasch und gesund. Beide Scheren lassen sich in einer liberalen Gesellschaft nicht rechtfertigen, zumal beide lebenslang (nach)wirken. Es ist deshalb wichtig, dass Fachleute die Politik und Öffentlichkeit mit den Fakten konfrontieren und begründen, warum es eine umfassende Politik der frühen Kindheit braucht. Die Schweiz ist hier arg im Rückstand. Zum Glück hat die Diskussion aber in den letzten ein zwei Jahren – stark vorangetrieben durch die Ready!-Allianz – an Fahrt aufgenommen.

Welche Rolle hat männer.ch bei der Mitwirkung an der Fachtagung und was erhofft sich die Organisation davon?

Wir sind gemeinsam mit der Universität Zürich und dem Netzwerk Psychische Gesundheit Teil der Trägerschaft. Dass wir mit so renommierten Organisationen eine Fachtagung mit nationaler Ausstrahlung organisieren können, ist für uns an sich bereits eine schöne Anerkennung. Wir verbinden aber durchaus fachliche Hoffnung mit dem Anlass, insbesondere dass es gelingt, Fachleute aus der psychosozialen Versorgung für die spezifischen Herausforderungen und Bedürfnissen von Männern/Vätern zu sensibilisieren. Für die ganze Trägerschaft ist es zudem wichtig, neben der mikrosozialen Ebene immer auch die strukturelle Ebene – also die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen – mit in den Blick zu nehmen.

Wie wirken sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen rund um die Familiengründung auf die psychischen Gesundheit der werdenden Eltern aus?

Ganz direkt. Das Fehlen eines Vaterschaftsurlaubs ist ein schönes Beispiel dafür. Seine Abwesenheit belastet einerseits das Familiensystem und sorgt für zusätzlichen Stress, da der frisch gebackene Vater überhaupt keine Zeit für die Unterstützung von Frau und Baby hat, sondern am nächsten Tag wieder im Büro erwartet wird, als sei nichts geschehen (sofern er nicht Ferien bezieht, die aber eigentlich für die Erholung bestimmt sind). Andererseits beginnt damit die Entfremdung der beiden Elternteile: Sie erwirbt sich im Nu einen massiven Kompetenzvorsprung in der Kinderbetreuung, verliert aber den Anschluss ans Erwerbsleben. Er findet seine Bestätigung in der Erwerbsarbeit, wird aber daheim fast zwangsläufig zum «Erziehungs-Assistenten». Und Beides hat massive Folgen: auf die Paarbeziehung, auf die Eltern-Kind-Beziehung, auf die beiden Elternteile, ihr Wohlbefinden und ihr Selbstwert.

Welchen Mehrwert bringt ein geschlechtsspezifischer Blick auf das Thema Familiengründung?

Ein Beispiel: Mütter schütten während Schwangerschaft und Geburt das «Sorgehormon» Prolaktin aus. Das ist ein biologischer Automatismus. Der männliche Körper kann das auch. Er braucht dafür aber die unmittelbare Beziehung zum neugeborenen Kind. Das müssen Fachleute wissen. Mir gefällt das Beispiel auch deshalb, weil es zeigt, dass Männer und Frauen zwar unterschiedliche Anlagen, aber gleiche Potenziale mitbringen. Diese Potenziale gleichwertig zu fördern: Das ist auch eine Aufgabe der Fachleute.

Programmleiter MenCare Schweiz und Gesamtleiter bei männer.ch | +41 79 238 85 12 | theunert@maenner.ch

Markus war 2005 bis 2015 Gründungspräsident von männer.ch und ist seit 2016 Programmleiter des nationalen Programms MenCare Schweiz.
2016 war er als als Generalsekretär für die operative Leitung der Geschäftsstelle zuständig. Im April 2017 wurde die Geschäftsleitung erweitert, seitdem ist er Mitglied der Geschäftsleitung und zuständig für fachliche Fragen. Daneben ist er mit seiner Social Affairs GmbH als Organisations- und Strategieberater tätig. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

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