Gesundheitsbereich

Gesundheitsbereich: Männer als Mitarbeiter

Herausforderungen

Gesundheitsberufe sind eine Frauendomäne. Während der Anteil beim ärztlichen Fachpersonal noch etwa ausgeglichen ist, wird die Schräglage der Hierachie entlang immer grösser. Gemäss Bundesamt für Statistik lag 2005 der Anteil der Männer in Berufen der Gesundheits- und Krankenpflege bei 8,5% und in der Pflegeassistenz bei gerade mal 6%. Diese Zahlen dürften sich seither nur wenig verändert haben. 

Auf Spitäler und Heime kommt in den nächsten Jahren ein massiver Mangel an ausgebildeten Fachkräften zu. Gemäss Schätzungen von Fachleuten benötigt die Schweiz im Jahr 2020 rund 13 Prozent mehr Pflegende als heute. Unter diesen Umständen ist es wichtig, als Beitrag gegen den Fachkräftemangel auch Männer für den Einsatz als Pflegfachmänner zu gewinnen. Pflegehandlungen sind jedoch in mancher Hinsicht nach wie vor nicht wirklich kompatibel mit dem Selbstverständnis von Männern. Pflegende Männer scheinen sich nach wie vor auf einem «fremden Terrain» zu bewegen, wie es eine Broschüre des Deutschen Bundesamtes für Gesundheit ausdrückt. Für die Schweiz hat zudem eine Studie des Zentrums für Gender Studies aufgezeigt, wie stark gerade in unserem Lande die Berufsbiographien in geschlechtstypischen Bahnen verlaufen.

Während sich bei den Frauen in den vergangenen 20 Jahren über die Frauenbewegung eine engagierte Frauengesundheitsforschung und -praxis entwickelt hat, ist dies auf Männerseite erst punktuell vorhanden. Fachpersonen im Gesundheitsbereich werden denn auch in Ausbildung und Praxis kaum auf diese Aspekte sensibilisiert und geschult. Auch stehen den Fachpersonen noch wenig konkrete Daten über die gesundheitliche Lage der Schweizer Männer zur Verfügung oder es werden die entsprechenden Unterlagen zu wenig genutzt. 

Lösungsansätze 

Die Untervertretung von Männern in den Gesundheits- und Pflegeberufen hat vielschichtige Wurzeln und muss entsprechend vielschichtig angegangen werden. Eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Gesundheitsvorstellungen und Männlichkeitskonstruktion ist ein wichtiger erster Schritt. Es ist weiter zu überprüfen, welche Rahmenbedingungen und Rollenklischees es sind, die Männer bis heute daran hindern, die Berufe im Gesundheits- und Pflegebereich auch für sich als attraktive Domäne zu entdecken.

Praxisbeispiele 

Fachorganisationen wie der Dachverband curaviva haben begonnen, sich mit der Thematik auseinander zu setzen. Verschiedene Institutionen haben bereits Fördermassnahmen ergriffen, um Männer für den Einsatz in ihrem Handlungsfeld zu gewinnen, so z.B. das Paraplegiker-Zentrum Nottwil. Das Berner Bildungszentrum Pflege hat mit der Kampagne «Tough Enough» eine zielgruppenspezifische Kampagne durchgeführt, um Männer für eine Ausbildung im Pflegebereich zu gewinnen. 

Im Jahre 2015 waren 2’500 junge Schweizer Männer im Rahmen des Zivildienstes im Gesundheitsbereich beschäftigt und haben entsprechende Erfahrungen gesammelt. Das in diesen Einsätzen liegende Potential auch gerade im Hinblick auf weitere berufliche Perspektiven im Pflegebereich, wird bisher kaum genutzt. Aus politischen Gründen darf es auch nicht gezielt gefördert werden.

Wie die Selbstsorge für Professionelle im Gesundheitsbereich besser wahrgenommen werden könnte, zeigen Walser und Rohrer am Beispiel der Hausärzte. 

Für einzelne Handlungsfelder im Gesundheitsbereich sind männerspezifische Umsetzungen nach und nach im Entstehen. Am weitesten gediehen sind wohl die Überlegungen im Bereich Männer und Sucht (vgl. Ratgeber des Bundesamtes für Gesundheit). Mit dem Casa Fidelio existiert auch eine spezialisierte Institution im Bereich der männerspezifischen Suchtarbeit. 

Gesundheitsbereich

Gesundheitsbereich: Männer als Zielgruppe und Kunden

Herausforderungen

Gesundheit und Geschlecht hängen eng zusammen. Dabei erweist sich die traditionelle Männerrolle als Gesundheitsrisiko, wird doch immer noch das Bild eines «richtigen Kerls» kaum in Verbindung gebracht mit einem sorgsamen Umgang mit sich selbst und den eigenen Ressourcen. Die Folge: Männer sterben im statistischen Schnitt früher als Frauen und sind in zahlreichen Statistiken – Herzinfarkt, Suizid, Burnout, Sucht, Krebs etc. – deutlich übervertreten. In Zahlen (vgl. europäischer Männergesundheitsbericht): EU-weit sterben Männer 6.1 Jahre früher als Frauen (Lebenserwartung 76.1 vs 82.2 Jahre). Drei bis vier Mal häufiger als Frauen sterben Männer bei Verkehrsunfällen und durch Selbstmord, gar 20 Mal so häufig bei Unfällen am Arbeitsplatz. 

Eine direkte Ansprache der Männer und Väter ist trotzdem sowohl in der Prävention wie auch in der Gesundheitsversorgung nach wie vor selten. Diese zielgruppenspezifische Ansprache wäre jedoch gemäss den Erkenntnissen von Forschung und Praxis ein zentraler Erfolgsfaktor, um die Inanspruchnahme von Beratungsangeboten durch Männer zu erhöhen.

Die Bedeutung des Fachgebiets Gender Health ist in der Schweiz im internationeln Vergleich zudem tief. Grundlagenforschung, z.B. ein «Schweizer Männergesundheitsbericht», bleiben nach wie vor uneingelöste Forderungen.

Lösungsansätze 

Der Stellenwert von Männergesundheit bedarf eines politischen Willens – und diese Sensibilität ist in der Schweiz noch kaum vorhanden. Der Zusammenhang zwischen Gender Health und Kostenexplosion im Gesundheitswesen wird kaum wahrgenommen. Das Sparpotenzial von Männergesundheit wird nicht thematisiert. 

Eine geschlechtergerechte Gesundheitspolitik sollte Geschlechtssensibilität als Qualitätskriterium bei allen Gesundheitsförderungs-, Präventions-, Gesundheitsforschungs- und –versorgungsangeboten ernst nehmen.

«Für die Prävention und Gesundheitsförderung wäre mit der gemeinsamen Auswahl der richtigen Themen und einem stärkeren Anknüpfen an Ressourcen im männlichen Lebensverlauf bereits viel gewonnen«, schreibt Fachmann Thomas Altgeld, der für die Entwicklung einer männergerechteren Gesundheitsförderung und Prävention skizziert:

1. Sensibilisierung und Qualifizierung von Multiplikatoren im Gesundheits-, Sozial- und Bildungsbereich für männerspezifische Gesundheitsproblematiken und Gesundheitsförderungsansätze;
2. Entwicklung einer jungen- und männerspezifischen Gesundheitskommunikation;
3. Ausdifferenzierung von klar umrissenen Subzielgruppen;
4. Implementation von Gender Mainstreaming als Querschnittsanforderung und Qualitätsmerkmal von Gesundheitsförderung und Prävention (vgl. Altgeld, 2004).

Praxisbeispiele 

Die Deutsche Stiftung Männergesunheit zeigt seit vielen Jahren auf, wie eine spezifische Ansprache von Männern aussehen könnte. Sie hat eine Fülle von entsprechenden Material aufgearbeitet, welches Vorbild für eine Umsetzung für die Verhältnisse in der Schweiz sein könnte.

In der Schweiz versucht ein von René Setz aufgebautes Männergesundheitsportal entsprechende Materialien aufzuarbeiten. Das SIMG kooperiert mit diesem Forum und vermittelt Informationen zu  weitern Umsetzungprojekten im Bereich Männergesundheit (borter@simg.ch).

Einzelne Arztpraxen beginnen nun auch in der Schweiz sich auf die Zielgruppe Männer speziell auszurichten, so z.B. die Praxis muntprat, mit welcher das SIMG kooperiert. Das von Christoph Walser initiierte Angebot timeout statt burnout ist ebenfalls speziell auf die Lebensbedingungen von Männern ausgerichtet.