Von Vater zu Sohn – Ein Brief zum Mann-Werden und Mann-Sein in unserer Zeit

«Predigt» vom 1. September 2019 in der Kath. Kirche St. Josef, Köniz, aus der Reihe:

Impuls am Puls 2019

Katholische Kirche Region Bern, Pfarrei St. Josef Köniz

In vier «Impuls am Puls»-Wortmeldungen gehen Referentinnen und Referenten aus ihren persönlichen Blickwinkeln und Einsatzgebieten dem Thema nach: «Als Mann/Frau geboren? – Oder zu Mann/Frau gemacht? Reden wir über GENDER!»

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Remo Ryser, Männerpsychologe & Vater
Schweiz. Dachverband der Männer- und Väterorganisationen Schweiz

«In sich wandelnden und vervielfältigenden Geschlechterbildern ist es Herausforderung und Chance zugleich, seinen ureigenen Weg zum authentischen Mann- und Vater-Sein zu (er-)finden. Was sind zeitgemässe Botschaften an die kommende Generation – insbesondere an Jungen* und Männer*? «Sag nie Entschuldigung, mein Sohn, das ist ein Zeichen von Schwäche», meint John Wayne. Remo Ryser verfasst seinen eigenen persönlichen Brief an seinen Sohn und spricht darin aus der Sicht eines Vaters und Mannes über Schlüsselmomente des Lernens und Verlernens von zugeschriebenen Geschlechterrollen. Ein Plädoyer für Dialog, Versöhnung und Aufbruch – zwischen allen Geschlechtern.»

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Lieber Sohn, Du junger Mann,

wenn Väter ihren Söhnen Briefe schreiben, die mit »Lieber Sohn« beginnen, dann wollen sie wesentlich werden und ein paar väterliche Hinweise loswerden. Genauso ist es auch jetzt.

In diesem Brief soll es um uns Männer, um Männlichkeiten und ums Mannsein gehen – wobei ich Dich bereits an dieser Stelle fragen höre: »Es soll um «uns Männer» gehen? Wen meinst du denn damit? Dich? Mich? Rapper, Manager, Mitschüler, Hausmann, Amokläufer, Vergewaltiger, Aussteiger, Feuerwehrleute,Friedensnobelpreisträger? Geht’s etwas präziser? Und vor allem – was habe ich mit solchen «Männern» zu tun?«

Schlau wie Du bist, gehst Du mit Deinem Einwand direkt auf eine der zentralen Frage los: Was hast Du, was habe ich mit »den Männern« zu tun, jener Hälfte der Menschheit, die seit längerem ziemlich schlecht wegkam, und das aus sehr vielen und sehr guten Gründen? Sollte ich mich als Briefschreiber nicht besser beschränken? Auf Dich, auf mich?

Tja, naheliegend wäre es, einfacher und überschaubarer auch. Aber ich fürchte, es geht nicht. Denn wir sind ja immer vieles gleichzeitig, ohne genau sagen zu können, was, wie sehr, zu welcher Zeit, warum.

Zum einen gehören wir zu «den Männern als gesellschaftliche Gruppe» oder besser einer Männlichkeitskultur mit ihren Regeln, was als männlich gilt, den Riten, Geschichten, Privilegien, Verfehlungen und Katastrophen (zu denen komme ich noch). Und zum anderen sind wir autonome Individuen: Wir können uns absetzen von unseresgleichen, von »den Männern«, unseren eigenen Weg finden. Und ja, das wünsche ich dir von Herzen. Aber wir werden, ob wir wollen oder nicht, im nächsten Moment wieder eingeholt von dem grösseren Bild, von den Männern, den Frauen, der Gesellschaft.

Ok, lass uns konkret werden und uns ein paar Jahrzehnte zurückbeamen, in die Zeit, als Dein Grossvater noch ein junger Mann und Dein Vater noch ein kleiner Junge war. Damals schlingerten wir zwar ebenfalls durchs Leben, wenn es ums Mannwerden ging. Der entscheidende Unterschied aber war, dass kaum einer darüber nachdachte und die meisten einfach taten, was sie glaubten tun zu müssen. Oder um John Wayne erneut zu zitieren: «Ein Mann tut, was er tun muss».

Mit mir hat damals auf jeden Fall nie auch nur ein Mann mal übers Mann-Sein gesprochen, über die schönen Seiten und die Abgründe. Männer gingen arbeiten, kauften Autos, bauten Häuser, spielten den Familien-Aussenminister und den Ferienorganisator, regierten das Land, die Wirtschaft, die Welt. Frauen? Innenministerium. Waren zu Hause, bekamen Taschengeld, kümmerten sich ums Gutaussehen, um die Kinder, liessen viel mit sich machen, schwiegen. Natürlich, es gab Ausnahmen – Pioniere und Pionierinnen eines befreiteren Mann- und Frau-Seins – aber eben, sie waren die Ausnahme.

Schwer vorzustellen, ich weiß. Frauen durften ohne Einwilligung des Mannes nicht arbeiten gehen. Deine Grossmutter hat sich trotzdem durchgesetzt, für deinen Grossvater war das äusserst peinlich und er musste sich Sprüche anhören, dass er seine Frau nicht im Griff habe. Lachst Du? Schüttelst Du den Kopf? So war das mal, wirklich. Es war eine pure Männer-Aussenwelt, in der diese bestimmten, was geschah. Und wie das so ist mit Gesetzen, die eine bestimmte Gruppe macht: Sie waren in der Regel zum Vorteil ihrer Erfinder. Doch was dabei gern übersehen wurde und immer noch wird: Es waren zwar Männergesetze, aber diese Gesetze knechteten die Männer ebenso wie die Frauen. Stopp sagen, wenn der Körper bei der Arbeit nicht mehr mitmachte, Teilzeit oder Vaterschaftsurlaub für Männer, damit Sie mehr Zeit mit Ihren Kindern verbringen konnten, Weinen in der

Öffentlichkeit, Windeln wechseln: Unvorstellbar. Alles ein Zeichen von Unmännlichkeit, von Schwäche.

Einfach, dass das mal deutsch und deutlich gesagt ist: Das Leitbild der klassischen Männlichkeit lautet: Mann-Sein heisst, keine Gefühle zeigen. Der Sinn der Sache ist klar: Er zähmt die Männer und macht sie für die Gesellschaft maximal nutzbar. Nutzbar in vieler Hinsicht: Oder kannst du dir einen Schlachter mit Mitgefühl, einen General oder Scharfschützen mit Schuldgefühlen, einen hilflosen Rettungssanitäter oder Chirurgen, einen ängstlichen Polizisten oder Bombenentschärfer, vorstellen?

Aber kommen wir zurück zu dir und deinem Weg zum Mann-Sein. Ist es heute nicht anders und das Ganze hat sich umgekehrt: Dreht sich nicht alles um die Förderung der Mädchen und Frauen, damit diese historische Wunde durch Frauenabwertung und Männerüberhöhung geheilt werden kann? Sind nicht wir Männer in der Krise und nicht mehr die Frauen? Lass mich dir deutlich meine Meinung sagen: Es gibt weder eine Krise der Männer noch eine Krise der männlichen Natur. Was es aber durchaus gibt, ist eine «Krise der Männlichkeit» – also der Art und Weise, wie Mann-Sein in unserer Gesellschaft definiert, mit Leitbildern und Vorbildern vorgegebenen wird, welche Erwartungen an Männer typischerweise gestellt und welche Beschränkungen ihnen auferlegt werden. Ernährer, Beschützer, Härte, Rationalität, Dominanz sind ein paar Schlagwörter. Diese Männlichkeit ist unter Beschuss geraten, ja, und ich muss sagen, ich bin froh drum. Und verstehe das Wort Krise deshalb auch so, wie es aus dem Griechischen häufig übersetzt wird: Mit «Entscheidung», «Veränderung» oder «Wendepunkt». Schliesslich hat dieses enge Bild von Männlichkeit zu ein paar ziemlichen Männerkatastrophen geführt:

Männer führen Kriege, suizidieren sich 3x häufiger wie Frauen, werden häufiger suchtkrank. Da ist der hohe Prozentsatz männlicher Gewalttäter (und der hohe Prozentsatz männlicher Gewaltopfer). Da ist das Nicht-Erkennen von männlicher Depression, weil sie sich anders zeigt als bei Frauen. Da ist die höhere Rate an Herzinfarkten bei Männern, da ist generell die 4 Jahre kürzere Lebenserwartung als bei Frauen. Und dann ist da auch das sexuelle Unglück, die Gefühlsfremde, die Einsamkeit. Was ich dir sagen will: Lieber die Krise kriegen als in einer Katastrophe leben, oder?

Was ich aber glaube, was es unbedingt zu überwinden gilt, damit wir die Chancen der aktuellen Männlichkeits-Krise nutzen können, ist die seit mehreren Jahrzehnten immer heftigere Männerabwertung:

Wenn Männer und Jungs zum Thema werden, dann meist in Form von Kritik oder als Problem. Und das Problem muss man ja im Auge behalten. Da erstaunt es nicht, dass deine Klassenliste der 1. Klasse nicht alphabetisch, sondern nach Geschlecht geordnet daher gekommen ist vor ein paar Tagen: Zuerst waren die Mädchen, dann die Buben aufgeführt.

Was mich wirklich betroffen macht: Die Vorstellungen von Euch Buben sind sehr oft negativ und defizitär eingefärbt: gewalttätig, rücksichtslos, rüpelhaft, unsensibel, vorlaut, unvernünftig, blind für Risiken, hyperaktiv, verhaltensauffällig, sexistisch, kommunikationsunfähig.

Was «gute» Männlichkeit ist, darüber besteht grösstenteils Orientierungslosigkeit. Die Antworten zum Beispiel von Lehrpersonen beginnen in den meisten Fällen:«Wenn sie nicht…», sind, eben nicht riskant, selbstausbeutend oder gewalttätig.

Aber brauchen wir nicht alle ein Bild, wie etwas gelingen kann, woran wir uns orientieren? Also, ich brauche das..und im besten Fall engt mich dieses Bild nicht wieder ein, sondern ermöglicht mir, mich selbst neu als Mann zu erfinden. Und das wünsche ich auch dir, mein Sohn, dass du dein authentisches Mann-Sein entwickelst, und dich von den Entweder-oder-Polen «Das ist männlich» und «Das ist weiblich» löst. Was ich damit meine? Lass mich dir ein paar Beispiele sagen:

  • Dass du dich durchsetzen UND anpassen kannst. Und ja, dich auch mal entschuldigst (Nein, John, es ist keine Schwäche, deine Meinung finde ich ziemlich veraltet).
  • Dass du manchmal cool, souverän, stark bleibst kannst in den Stürmen des Lebens (sozusagen der Fels in der Brandung) UND verletzlich, deine Grenzen kennst, dir Unterstützung holst
  • Dass du lustvoll und gerne etwas leistest UND du dich entspannen, es einfach mal geniessen kannst.
  • Dass du manchmal gewinnen, das Beste aus dir herausholen willst UND anerkennst, wenn andere etwas besser können.
  • Dass du Sachen UND Beziehungen engagiert pflegst.
  • Dass du frei entscheidest, welchen Beruf du wählen willst, jenseits von Schablonen, was typische Männer- und Frauenberufe sind: Florist oder Polizist, Kindergärtner oder Förster, Fachmann Betreuung oder Elektroinstallateur.
  • Dass du sowohl tiefe Freundschaften zu Männern* UND Frauen* leben kannst. Und das schliesst auch ein, dass du frei bist, wie du Liebe und Sexualität lebst, mit Männern* oder Frauen*, mit Männern* und Frauen*. Ok, ich gebe zu, das wird für mich ungewohnt sein, aber gib mir bitte etwas Zeit, mich darin einzufinden, wenn es dann soweit sein sollte.

    Dazu gehört auch, dir eine dicke Haut zuzulegen, wenn du als schwul, Pussy, Weichei oder Schlapschwanz betitelt wirst, weil du mal nicht dem «typisch männlich» entsprichst. Oder Dinge zu hören bekommst wie: «Ein Junge weint nicht». Oder: «Ein Indianer kennt keinen Schmerz!». Was besonders absurd ist: Wer kennt denn schon einen Indianer?

    Uff, das hört sich vielleicht für dich wie ein endloser Spiessrutenlauf und vor allem auch widersprüchlicher Wunschkatalog an? Und macht Stress? Dann passiert dir gerade das, was auch Frauen manchmal passiert: Dass sie sich ein Bild des idealen Manns zimmern und dieses jetzt, sofort einfordern. Nämlich, dass er

autonom, einfühlsam, schön, kinderlieb, abenteuerlustig, potent, feminin, verständnisvoll, rücksichtslos im richtigen Augenblick sein müsste. Ein Machosoftie eben. Lass mich dir sagen: Um das geht es nicht, zum perfekten Mann, zur perfekten Frau, zum perfekten Menschen zu werden (wobei wir schon wieder streiten müssten, was denn nun perfekt wäre).

Meine Botschaft an dich: Lass dich verunsichern, es gibt keine vorgefertigten Antworten, wie ein Mann zu sein hat. Bleibe forschend, lass dich von dir selbst überraschen, welche Facetten du in dir noch entwickeln oder weiterentwickeln kannst. Und lass mich dir als dein Vater sagen: Ich sehe bei dir schon mit 7 Jahren so viele Potenziale und Fähigkeiten, die zum Ausdruck kommen. Es ist eine wahre Freude. Und ja, ein bisschen nehme ich das auch auf meine Kappe. Weil ich dir ein möglichst breites, ausbalanciertes Mann-Sein vorleben möchte. Und gleichzeitig erkenne ich in dir auch einen typischen Jungen, der Dinosaurier, Bagger, Traktoren, Schlagzeuge, Elektrogitarren und Fussball liebt, aber auch noch viel mehr als das. Und das macht es doch sehr deutlich: Es ist ein komplexes Zusammenspiel von Genen und Lernen, wie wir schliesslich unser Geschlecht leben.

Also, lieber Sohn, und ja, Liebe Männer

Mein grösster Wunsch an dich, an mich, an uns alle ist dieser: Schauen wir doch mal ganz genau hin, ob wir Männer bei all den aktuellen Veränderungen nicht vielleicht Grosses, ja Grossartiges zu gewinnen haben – an Entlastungen, an Neuentdeckungen. Wie sagte doch meine Mutter immer: Du musst es nicht essen, wenn es dir nicht schmeckt! Aber zumindest probieren! Ja, die Vorstellungen, was männlich ist, die von aussen an uns herangetragen werden – von der Gesellschaft, den Frauen, anderen Männern – können mit unseren tiefsten Bedürfnissen übereinstimmen. Aber sie müssen es nicht zwangsläufig. Wie wir herausfinden, was «echt» ist? Für mich, für dich, für jeden: Achte auf deine Gefühle. Sie sind der direkte Weg, die eigenen Bedürfnisse zu spüren. Und dann: Dann lasst sie uns aussprechen. Jedes «Ich weiss es ehrlich gesagt auch nicht!», «Es tut mir leid», jedes «Ich liebe dich!» jedes «Nein, ich habe jetzt keine Lust!» hat eine Vorbildwirkung. Um dann nachzufragen und hinzuhören, was das Gegenüber drauf antwortet, was es braucht. Auf Augenhöhe zwischen Frau und Mann, zwischen allen Geschlechtern.

So, mein Sohn, das waren viele Worte – und jetzt lass uns ein Feuer anzünden oder was anderes gemeinsam tun und einfach mal schweigend zusammensein. Und danach, danach lass uns reden.

In Dankbarkeit für das bisherige gemeinsame Lernen, in Vorfreude, auf die nächsten Schritte. Du wirst deinen Weg gehen, ich bin für dich da. In Liebe

Dein Vater Remo

PS:
Liebe Frauen

Was ich unbedingt noch sagen möchte: Bleibt anspruchsvoll den Männern gegenüber. Aber seid Euch bewusst: Vielleicht zeigen sie Euch das, was ihr Euch wünscht, auf eine andere Weise, als ihr erwartet. Manchmal ist das so, als gälte es, eine andere Sprache zu lernen. Bitte versucht zu verstehen. Verstehen heisst nicht: entschuldigen, gutheissen oder auch nur akzeptieren. Es bedeutet nachvollziehen zu können – vielleicht auch, was einem persönlich fremd oder unlogisch ist.

Und: Bitte lacht nicht, wenn Männer beim Fussball weinen

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Projektleiter und Programmkoordinator MenCare Deutschschweiz bei | +41788966267 | ryser@maenner.ch

Remo Ryser koordiniert MenCare Deutschschweiz und leitet verschiedenen Teilprojekte, z.B. den Vatercrashkurs. Er beschäftigt sich seit 15 Jahren als Coach, Berater, Projektleiter und Erwachsenenbildner aus verschiedenen Blickwinkeln mit den Themen SelfCare, MenCare und NatureCare. Zuvor war er in der Privatwirtschaft tätig.

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