Dominante Männlichkeitsvorstellungen sind bei jungen Männern weit verbreitet

Dominante Männlichkeitsvorstellungen sind bei jungen Männern weit verbreitet

Jeder zweite junge Mann in der Schweiz ist besorgt, dass «richtige Männer an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden». Eine gross angelegte Studie des Jacobs Center for Productive Youth Development der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit männer.ch zeigt, wie verbreitet restriktiv-dominante Vorstellungen von Männlichkeit sind. Diese gehen mit Frauenfeindlichkeit, Gewaltbereitschaft und Ablehnung von Gleichstellung einher. Prävention sollte bereits in der Schule ansetzen.

In den Medien wird oft über Internetforen und Social-Media-Kanäle berichtet, die sich in unterschiedlichen Ausprägungen extremen Männlichkeitsbildern, Sexismus und männlichen Überlegenheitsstrategien widmen – der sogenannten «Manosphere». Doch was versteht die Schweizer Bevölkerung unter Männlichkeit?

Dieser Frage geht eine Studie der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit männer.ch, dem Dachverband Schweizer Männer- und Väterorganisationen, nach. Dafür wurde eine repräsentative Stichprobe von über 6000
Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren schweizweit über ihre Männlichkeits- und geschlechtsbezogenen Einstellungen und deren Zusammenhang mit Ansichten zu Familie, Partnerschaft, Sexualität und Gewalterfahrungen befragt. Es ist das erste Mal, dass solche Daten für die Schweiz vorliegen und
wissenschaftlich ausgewertet werden.

Grosse Kluft zwischen den Geschlechtern in jungen Jahren

Grundsätzlich zeigt sich: Die Gruppe der 18- bis 24-jährigen Männer erreicht die höchsten Werte bei Einstellungen, die einem restriktiv-dominanten Männlichkeitsbild zuzuordnen sind, und die Hälfte von ihnen ist besorgt darüber, dass «richtige Männer immer mehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden».

Die Hälfte der 18-24-Jährigen findet, dass ”richtige” Männer immer mehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden

Im Gegensatz dazu vertreten junge Frauen wesentlich häufiger egalitäre und offene Geschlechtervorstellungen – was zu einer deutlichen Kluft zwischen den Geschlechtern führt. Auch wenn sich die Einstellungen bei älteren Männern und Frauen zunehmend angleichen, liegen die Werte der weiblichen
Befragten in jedem Alter durchgehend tiefer.

«Faktor M» als Dominanz- und Abgrenzungssyndrom

Zentral für die Studie ist die Bestimmung des sogenannten «Faktor M»: Die Forschenden bezeichnen damit ein umfassendes Einstellungsmuster, das unterschiedliche restriktive Auffassungen von Männlichkeit und
Geschlechterbeziehungen bündelt. «Faktor M steht für eine Haltung, die «echte Männlichkeit» bedroht sieht, verbunden mit männlichen Überlegenheitsansprüchen, Gewaltbereitschaft, Frauenfeindlichkeit, der Verachtung sexueller Minderheiten und der Ablehnung von Gleichstellung», erklärt Studienleiter Denis
Ribeaud, Kriminologe und Soziologe am Jacobs Center for Productive Youth Development der Universität Zürich. «Unsere Daten zeigen, dass all diese Einstellungen eng zusammenhängen und sich auf eine einzige gemeinsame Grundhaltung zurückführen lassen. Das ist eine wichtige neue Erkenntnis».

Insgesamt werden 20 Prozent der befragten Männer und 7 Prozent der Frauen zur Gruppe mit hohen Faktor M- Werten gezählt. Sie gelten als besonders anfällig für problematisches oder gewalttätiges Verhalten. In der jüngsten Gruppe ist der Faktor M weit verbreitet – fast jeder dritte Mann zwischen 18 und 24 Jahren (31%) gehört zur Gruppe mit den höchsten Werten. In der Deutschschweiz ist der Faktor M stärker ausgeprägt als in der West- und italienischsprachigen Schweiz. In Agglomerations- und ländlichen Gemeinden tritt er häufiger auf als in Kernstädten.

Autor

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Markus Theunert war Gründungspräsident und ab 2016 Gesamtleiter von männer.ch. Seit 2026 wirkt er als fachlicher Leiter und Co-Geschäftsleiter. Sein Herzensthema ist die Frage, wie Männer zur Transformation der Geschlechterverhältnisse beitragen können. Dazu hat er verschiedene Sachbücher und Fachbücher publiziert. Markus ist Vater einer Tochter und lebt in der Stadt Zürich

Bildung und Herkunft prägen Faktor M

In der Gruppe mit hohen Faktor M-Werten sind über alle Generationen Männer mit tiefem Bildungsniveau, geringem Berufsstatus und wenig Einkommen überproportional vertreten – fast jeder zweite 18-24-Jährige mit Berufslehre gehört dazu (47%). Umgekehrt gilt: Je höher die Bildung und privilegierter die Perspektiven,
umso tiefer sind die Faktor-M-Werte.

Männer, deren Väter ausserhalb der Schweiz in patriarchalen Strukturen geboren wurden, haben höhere Faktor-M-Werte. Gemäss den Studienautor:innen bilden sich solche Strukturen vor allem dort heraus, wo rechtsstaatliche Institutionen schwach ausgebildet sind. Männer mit einem solchen Hintergrund sind entsprechend mit westlichen Gleichstellungsnormen oft wenig vertraut oder stehen diesen reserviert gegenüber. Erfahren sie hierzulande zudem Ausgrenzung und mangelnde Teilhabe, kann dies eine Gegenreaktion auslösen, bei der restriktiv-dominante Männlichkeit zum scheinbar verlässlichen Anker für das Selbstwertgefühl wird.

Familienmuster und Gewalt in der Partnerschaft

Hohe Faktor-M-Werte gehen mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit einher, «traditionelle» Arbeitsteilungen innerhalb von Familie und Partnerschaft zu leben: Frauen übernehmen häufiger den grösseren Teil der Care-Arbeit, während Männer deutlich öfter als Alleinverdiener fungieren. Solche Männer schreiben Vätern zudem häufiger eine ganz andere Erziehungsrolle zu als den Müttern, und Jungen müssen in ihren Augen ganz anders erzogen werden als Mädchen. Autoritäres Verhalten und Gewalt in der Kindererziehung werden von diesen Männern als legitim angesehen.

Faktor M erweist sich als konsistenter Risikofaktor für Gewalt in der Partnerschaft – und zwar in beide Richtungen

Hohe Faktor-M-Werte gehen mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit einher, in der Partnerschaft Gewalt auszuüben oder zu erleiden. «Faktor M erweist sich als konsistenter Risikofaktor für Gewalt in der Partnerschaft – und zwar in beide Richtungen und bei beiden Geschlechtern: Sowohl Männer als auch Frauen mit hohen Faktor-M-Werten berichten häufiger davon, in der Partnerschaft Gewalt ausgeübt, aber auch erlebt zu haben», erklärt Denis Ribeaud. «Das ist kein Widerspruch. Wer in Beziehungen männliche Dominanzansprüche, Geringschätzung von Frauen und Kontrollverhalten als normal einordnet, hat ein höheres Risiko, auf beiden Seiten dieser Dynamik zu stehen.»

Männer und Frauen erleben Gewalt anders

Bei der in der Studie gemessenen niederschwelligen körperlichen Gewalt in der Partnerschaft – Ohrfeigen, Stossen, Dinge anwerfen – berichten Männer überraschenderweise deutlich häufiger von Gewalterfahrungen als Frauen. Aus anderen Datenquellen und Studien ist allerdings bekannt, dass Frauen wesentlich häufiger schwere, bis hin zu tödlicher Partnerschaftsgewalt erfahren; aufgrund der Macht- und Kräfteverhältnisse
erleben sie Gewalt anders und mit gravierenderen Folgen. Sie sind auch weit häufiger von extrem kontrollierender Dominanz betroffen. Männer mit hohen Faktor-M-Werten berichten schliesslich häufiger von fehlendem partnerschaftlichem Sex («Incels»), vom Konsum von «Hardcore»-Pornografie und häufigerer Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen.

Prävention schon im Schulalter

Die Studienergebnisse legen nahe, die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit gewaltbegünstigenden Männlichkeitsvorstellungen systematisch zu fördern. Diese sollte bereits im Schulalter ansetzen. «Die zentrale Präventionsbotschaft lautet: Es gibt nicht nur eine «richtige» Form von Männlichkeit. Männlichkeit ist gestaltbar: Du kannst so oder anders Junge sein und Mann werden», sagt Mitautor Markus Theunert. Co-
Geschäftsleiter von männer.ch. Dafür müssen Fachpersonen in pädagogischen und sozialen Berufen bereits in der Ausbildung Kompetenzen zur Bearbeitung des Faktor M vermittelt erhalten.

Die Studie zeigt: Menschen mit vielfältiger Bildungs- und Berufsperspektiven stimmen restriktiven Männlichkeitsnormen seltener zu. Deshalb wird für Präventionsansätze plädiert, die soziale Integration, Chancengerechtigkeit und Reflexion über Geschlechterverständnis miteinander verbinden – insbesondere bei
jungen Männern in schwierigen Lebenslagen. Nicht zuletzt sei frühzeitige Väterarbeit Gleichstellungs- und Gewaltprävention. «Männer, die im Familienalltag präsent sind, wirken nicht nur positiv auf die emotionale
und soziale Entwicklung ihrer Kinder, sondern auch auf ihren schulischen Erfolg», erklärt Theunert.

Hinweis: Auf Basis der erhobenen Daten sind weitere Analysen zum Zusammenhang von Faktor M mit Mediennutzung (Manosphere), Freizeitverhalten, Gesundheit und Weltanschauungen geplant.

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