Um Geschlechtergerechtigkeit voranzubringen, braucht es die Männer mit an Bord. Eine Publikation von Path Forge empfiehlt, dazu auf positive Narrative zu setzen.
Männer dazu inspirieren, sich überzeugt für Gleichstellung einzusetzen – Was braucht es dafür? Der im Februar 2026 veröffentlichte Bericht «Positive Narratives» macht konkrete Vorschläge, wie das gelingen kann. Dieser Blogartikel fasst die Kernpunkte zusammen.
Frauen und Queers kann man mit einer relativ simplen Botschaft für gleichstellungspolitisches Engagement gewinnen: «Das Patriarchat unterdrückt uns seit ewig. Lasst uns dagegen halten und für eine bessere, freiere Welt kämpfen!»
Bei Cis-Männern ist die Botschaft komplizierter. Denn auch diejenigen von ihnen, die sich für Gleichstellung einsetzen, profitieren als Teil der privilegierten Gruppe vom System, das überwunden werden soll. So werden Männer zum Beispiel kompetenter eingeschätzt und ihnen wird intuitiv mehr Redezeit zugestanden.
Sich dem zu stellen als aktivistische Person – und besonders als FINTA Person kann sehr anstrengend und frustrierend sein.
Diese Herausforderung möchten wir hier zunächst explizit anerkennen, bevor wir die von Path Forge vorgeschlagenen Strategien diskutieren.
Für Männer ist es vielfach schon ein Stolperstein, diese Ausgangslage zu sehen und anzuerkennen. Wer will schon Teil des Problems sein? Und während wir alle ein feines Gespür für Benachteiligung haben, ist leichter Rückenwind oft kaum spürbar. Die Aufgabe für progressive Männer besteht darin, diese Gleichzeitigkeit auszuhalten und auf Veränderungsbotschaften nicht mit Abwehr oder Rückzug zu reagieren. Wenn man Männer für Geschlechtergerechtigkeit gewinnen will, ist es wichtig, Narrative zu finden, die inspirieren und Lust machen auf diese Arbeit.
Der Bericht «Postive Narratives» von PathForge beschreibt, was es braucht, um mehr Männer an Bord der MS Geschlechtergerechtigkeit zu holen. Er definiert acht Leitprinzipien:
Die Grundhaltung dahinter ist schlüssig und leicht zu verstehen. Sich für eine Veränderung einzusetzen und sich selbst zu verändern, einfach weil es moralisch richtig ist, fällt den meisten Menschen schwer. Wer einen Veränderungsprozess anstossen will, tut gut daran, sich nicht nur für die Probleme zu interessieren, die Männer machen, sondern auch für die Probleme, die sie haben. Die Motivation für Veränderung ist grösser und die Energie hält länger an, wenn Männer erleben und fühlen, dass diese Arbeit auch ihr eigenes Leben und ihre eigenen Beziehungen verbessert.
Die Motivation für Veränderung ist grösser, wenn Männer erleben und fühlen, dass diese Arbeit auch ihr eigenes Leben verbessert.
Denn in einer geschlechtergerechteren Welt gibt es auch für Männer viel zu gewinnen: bessere Gesundheit, weniger Leistungsdruck, tiefere Freundschaften, mehr Zeit mit den Kindern. Diese Vorteile öfter ins Zentrum zu stellen, ist sinnvoll.
Trump, Tate, Manfluencer und Sexualstraftäter – zu häufig haben progressive Akeur*innen besonders menschenfeindliche Männer im Blick. Die aktiv Gleichstellungsfeindlichen bekommen zu viel Aufmerksamkeit, binden unnötig Zeit und Energie.
Gesellschaftspolitisch ist es von grosser Wichtigkeit, eine Mehrheit zu bilden, die Gleichstellung und Diversität als Selbstverständlichkeit betrachtet. Es lohnt sich daher, auf die Mitte zu fokussieren. Dabei gilt es, Männer dort abzuholen, wo sie stehen. Die Idee: Bringe diejenigen in der Mitte dazu, den jeweils nächsten Schritt in die progressive Richtung zu machen und akzeptiere dabei, dass auch nach diesem Schritt noch viel Strecke zu gehen ist. Und ja, wenn man die Männer der Mitte nicht schon mit der ersten Ansprache verlieren will, muss man teilweise wichtige Dinge des profeministischen Diskurses (noch) ausblenden.

Gerade in Gleichstellungsthemen und der Ansprache an Männer wird oft mit Peitsche statt Zuckerbrot gearbeitet. «Du musst das anders machen, weil es schlecht ist und du andern schadest», statt «wenn du beginnst, Dinge anders zu machen, wirst du merken, dass es dir besser geht». Der Unterschied zwischen einer Botschaft und einem Narrativ liegt in der Story. Ein gelungener Narrativ setzt in der Lebenswelt der Menschen an, die er erreichen will. Er zeigt an einem Vorbild, mit dem man sich identifizieren kann, wie der Weg einer persönlichen Entwicklung verlaufen kann und macht erlebbar, warum er sich lohnt. Hier ein konkretes Beispiel eines positiven Narrativs aus dem Bericht von PathForge:
Ein Mann behauptet, „stoisch“ zu sein, hat aber in Wirklichkeit Schwierigkeiten, seine Emotionen wahrzunehmen und zu regulieren. Damit macht er sich selbst und alle um ihn herum unglücklich. Er ignoriert die Aufforderungen seines Umfelds, an sich zu arbeiten und gerät schliesslich ausser Kontrolle. Ein bestimmtes Ereignis zwingt ihn, das Problem einzugestehen. Er erkennt, dass ihm emotionale Intelligenz nie beigebracht wurde und beginnt, genauer hinzuschauen, sich selber besser zu spüren und sich in Beziehungen emotional mehr zu öffnen. Seine psychische Gesundheit und seine Beziehungen verbessern sich, und er beschliesst, anderen zu helfen, denen wie ihm nie beigebracht wurde, gesund mit ihren Emotionen umzugehen.
Verletzlichkeit zu wagen eröffnet die Chance, von anderen gesehen und wenn nötig gestützt zu werden.
Sei souverän! Diese Männlichkeitsanforderung ist bei sehr vielen Männern tief verankert – auch bei solchen, die sich für Gleichstellung einsetzen. Vielen fällt es leichter, vom erfolgreich gegangenen Weg zu berichten, als von Verzweiflung und der Unsicherheit des Umbruchs. Doch wenn Männer sich trauen, sich auch in ihrem Zweifeln und Nicht-souverän-sein zu zeigen, hat das eine besondere Kraft. Es macht Probleme spürbar, schafft Nähe und löst Emotionen aus – Mitgefühl, Solidarität und ja vielleicht auch Scham und Peinlichkeit. Das alles kann andere Männer dazu inspirieren, dem Beispiel zu folgen: Verletzlichkeit wagen und sich damit die Chance eröffnen, von anderen gesehen und wenn nötig gestützt zu werden.
Wenn es uns gelingt, positive Narrative mit real erlebten Beispielen zu verknüpfen und auch emotional erlebbar zu machen, wecken wir die Sehnsucht der Männer, Teil dieser Bewegung zu werden, die gemeinsam in Richtung einer geschlechtergerechten Welt rudert.