Rede von Thomas Neumeyer zum Rethink Masculinity Day. Am 8. April 2026 kamen Männer auf dem Bundesplatz für eine Kundgebung zusammen, um sich mehr fürsorgliche Männlichkeit einzusetzen.
Sich um andere kümmern gilt auch im Jahr 2026 noch als irgendwie «weiblich». Warum ist das so? Wieso hält sich dieses Bild in den Köpfen, aber auch in den Statistiken so hartnäckig? Es liegt an der Kombi aus Strukturen und Prägung. Ich kann das an einem Beispiel erklären, wo ich mich gut auskenne – an mir selbst.
Als ich und meine Partnerin uns vor knapp 10 Jahren entschieden haben ein Kind zu bekommen, war uns beiden klar: Wir teilen uns die Sorgearbeit 50:50. Mir war das total wichtig. Ich war auch der mit dem grösseren Kinderwunsch und ich habe auch ohne Kind schon Teilzeit gearbeitet, weil ich fand, dass Karriere mir weniger bedeutet, als Zeit mit Menschen die mir wichtig sind. Und so haben wir das auch gemacht. Ich habe mir nach der Geburt zwei Monate unbezahlten Urlaub genommen und als meine Partnerin wieder angefangen hat zu arbeiten nochmal zwei, in denen ich zuhause allein zuständig war für das Baby.
Hier zeigt sich das erste strukturelle Problem. Dass der Mutterschaftsurlaub 14 Wochen lang ist, der Vaterschaftsurlaub aber nur 2, sorgt dafür dass nach den ersten Monaten die Frau kompetenter ist im Kümmern. So wie ich vier Monate unbezahlten Urlaub nehmen und auf den Lohn verzichten – Das können sich die Meisten gar nicht leisten und in vielen Branchen heisst es: Teilzeit? Vergiss es!
Wir leben in einer Gesellschaft, in der, immer wenn es ums Kümmern geht, hauptsächlich die Frauen zuständig sind.
Trotzdem: Bei mir war das möglich. Bin ich also das strahlende Beispiel für die gleichberechtigte Zukunft, in der Männer und Väter ihre Hälfte der Care-Arbeit übernehmen? Leider nein. Denn hier kommt die Prägung dazu. Wir wachsen nicht in einem Vakuum auf, sondern in einer Gesellschaft, in der Mädchen von früh auf lernen, sich zu kümmern, mitzuhelfen, zu trösten, zu umarmen, zuzuhören und sich zurückzunehmen. Auf der anderen Seite: Boys will be boys. Jungen kämpfen halt gern, sind wild, müssen etwas ertragen können , sollten nicht zu weich sein und interessieren sich halt einfach weniger für das kleine Geschwister. Solche Bilder prägen alle. Wir leben in einer Gesellschaft, in der, immer wenn es ums Kümmern geht, hauptsächlich die Frauen zuständig sind. Das prägt. Dem entkommt niemand ganz.
Ich hatte vor einem Monat ein Gespräch mit meiner Partnerin, in dem wir über Mental load gesprochen haben. sie sagte mir: Ich glaube ehrlich, wenn ich mit einer Frau zusammen wäre statt mit dir, wäre ein Teil meines Alltagsstresses einfach weg. Weil ich nicht das Gefühl hätte, alles immer auf dem Schirm haben zu müssen und in Sachen Kind und Haushalt immer ein bisschen für dich mitzudenken. Stattdessen würde ich öfters merken, dass jemand schon für mich mitgedacht hat.
Ich muss sagen, das hat mich ziemlich geschmerzt. Weil ich das mit Aufgabenteilung 50:50 wirklich ernst meine als Anspruch und trotzdem sehe, dass ich öfter daran scheitere, als ich mir eingestehen will. Dass ich viele Dinge und Aufgaben wirklich gar nicht erst sehe, weil ich mir – wie fast alle Männer in unserer Gesellschaft – gewohnt bin, dass sie andere übernehmen. Fast mehr hat mich aber geschmerzt zu hören, dass meine Partnerin absolut überzeugt ist, wenn sie mit einem anderen Mann zusammen wäre, wäre die Dynamik genau gleich.
Diesen Sorge-Geschlechtergraben gibt es in vielen Bereichen. Bei der Sorge um Kinder, um Freunde, um älter werdende Eltern, um die eigene psychische Gesundheit. Die Welt ist so und sie prägt uns. Und ich kann nichts dafür, dass wir in einer Welt leben, die so ist wie sie ist, die Männer über Frauen stellt – manchmal subtil, manchmal brutal und plump. Wofür ich aber sehr wohl verantwortlich bin, wofür wir alle sehr wohl verantwortlich sind, ist, das nicht einfach zu akzeptieren, sondern zu ändern. Darum stehe ich hier an dieser Kundgebung. Aber im Alltag heisst das vor allem – üben. Man kann sich nämlich entscheiden, Dinge bewusst anders zu machen. Und: Ich spüre den Unterschied, wenn man anfängt mit üben, bei mir selbst aber auch in meinem Umfeld.
Hier ein paar selbst beobachtete Bilder aus den letzten Wochen: Ein Jugendfreund von mir, isst jede Woche mit seinem dementen Vater Zmittag. Reden kann der Vater kaum mehr, aber das gemeinsame Essen verbindet.
Ein anderes Beispiel: Mein Nachbar, der seine weinende Tochter nach einem Unfall bei dem sie sich tief in den Finger geschnitten hat, zur Notaufnahme. Ich höre später durch die Wand, wie er sie tröstet und alleine mit ihr die Nacht durchsteht. Da sein, auch wenn man nichts gegen die Schmerzen machen kann, das ist echte Fürsorge. Am nächsten Morgen sehe ich sie im Treppenhaus. Er ist durch den Wind, aber sie zeigt mir ihren Gibs und sagt: «Es ist schon besser.»
Noch ein Bild: Mein Ex-Mitbewohner mit dem ich beim Joggen über einen Streit mit meiner Partnerin rede und der mir keinen Ratschlag gibt, sondern mich am Ende der Strecke einfach lange umarmt. Oder mein Arbeitskollege, der seinen krebskranken Vater im Sterben begleitet hat, sich über zwei Jahre Zeit dafür genommen hat und ihm dabei so nahe gekommen ist, wie er ihm sein ganzes Leben nicht war. Als mein Kollege in der Teamsitzung davon erzählt, sitzen zwölf Männer und eine Frau am Tisch und weinen mit ihm.
Man kann sich entscheiden, Dinge bewusst anders zu machen. Aber im Alltag heisst das vor allem – üben.
Solche Bilder fürsorglicher Männlichkeit verändern, wie wir Männer sehen und was wir uns selber erlauben – zu fühlen, zu teilen und im Alltag zu leben.
Lasst uns alle mehr üben – damit das mehr passiert – und vielleicht auch endlich mal etwas schneller geht. Und lasst uns gleichzeitig dafür einstehen, dass die Strukturen, die das Ungleichgewicht aufrechterhalten, angepasst werden.
Denn die Gesellschaft braucht mehr Männerfürsorge und am allermeisten brauchen wir Männer sie selbst.