Über die Manosphere, Tradwives und die Ökonomisierung von Identität im Markt der Unsicherheit.
Beim Schauen der Netflix Doku Inside the Manosphere von Louis Theroux blieb bei mir weniger Empörung als vielmehr ein Gefühl der Irritation zurück. Irritation darüber, wie eindimensional die dort gezeigten Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit sind, und wie vertraut sie zugleich wirken.
Als Mutter eines zehnjährigen Sohnes und als jemand, der im Bereich der Extremismusprävention arbeitet und zu sozialen Konflikten forscht, konnte ich die gezeigten Dynamiken nicht als Randphänomen abtun. Im Gegenteil: Vieles erinnerte an Muster, die sich auch in anderen Kontexten finden: im Rechtsextremismus, im Islamismus oder in sogenannten Incel-Communities.
Was diese unterschiedlichen Phänomene verbindet, ist weniger eine konkrete Ideologie als vielmehr eine bestimmte Vorstellung von Geschlecht: die Idee, dass Männlichkeit und Weiblichkeit klar definierte, hierarchisch geordnete Rollen sind, und dass der eigene Wert davon abhängt, diese Rollen «richtig» zu erfüllen.
Gleichzeitig fällt auf, dass diese Vorstellungen heute nicht nur vertreten, sondern systematisch verwertet werden. Was sich in der Manosphere und in der Inszenierung sogenannter «Tradwives» zeigt, ist kein blosser Kulturkampf, sondern ein Geschäftsmodell: die Vermarktung von Identität im Markt der Unsicherheit.
Doch hinter der demonstrierten Stärke, der inszenierten Kontrolle und der behaupteten Überlegenheit wird etwas anderes sichtbar – eine Form von Verletzlichkeit, die nicht verarbeitet, sondern überdeckt wird.
Ein zentrales Muster in der Manosphere besteht darin, komplexe gesellschaftliche Realitäten auf einfache Gegensätze zu reduzieren. In Podcasts wie dem von Myron Gaines werden gezielt Frauen eingeladen, die bestimmten, gesellschaftlich bereits stark aufgeladenen Stereotypen entsprechen, etwa aus dem Umfeld von OnlyFans (einer Plattform, auf der Frauen erotischen Content für bezahlende Abonnierende posten). In der Inszenierung dieser Gespräche entsteht so der Eindruck, es gebe nur zwei Arten von Frauen: die sexualisierte, als «wertlos» markierte Frau auf der einen Seite und die «wertvolle», dem Mann untergeordnete Frau auf der anderen. Diese Gegenüberstellung wirkt deshalb so eindeutig, weil sie auf bereits bestehenden gesellschaftlichen Bewertungen aufbaut und diese gezielt verstärkt.
Dass diese Auswahl nicht repräsentativ ist, sondern bewusst getroffen wird, liegt auf der Hand. Frauen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten, etwa solche, die berufliche Verantwortung tragen, Care-Arbeit leisten oder beides miteinander verbinden, kommen in diesen Formaten kaum vor.
Die Realität wird auf eine leicht vermittelbare Erzählung reduziert. Komplexität wird nicht erklärt, sondern entfernt. Was hier sichtbar wird, ist keine Beschreibung von Wirklichkeit, sondern ihre gezielte Vereinfachung.
Auf den ersten Blick scheint die Figur der sogenannten «Tradwife» eine weibliche Version der Manosphere zu bieten. Statt Dominanz und Wettbewerb stehen hier Fürsorge, Häuslichkeit und Hingabe im Vordergrund. Doch dieser Eindruck hält einer genaueren Betrachtung nur begrenzt stand.
Was als Rückkehr zur Tradition inszeniert wird, ist in Wirklichkeit ein hochmodernes Produkt. Die dargestellte Häuslichkeit existiert nicht unabhängig von digitalen Plattformen, sondern ist auf sie angewiesen. Kochen, Putzen, Kindererziehung, all das wird nicht einfach gelebt, sondern gefilmt, kuratiert und veröffentlicht. Der häusliche Raum wird zur Bühne, Intimität zur Ressource.
Es handelt sich nicht primär um Stärke, sondern um eine Form von unverarbeiteter Verletzlichkeit.
In diesem Sinne handelt es sich weniger um gelebte Tradition als um ihre Inszenierung. Tradition erscheint hier nicht als Praxis, sondern als ästhetisch aufbereitete Form, die Aufmerksamkeit generiert und ökonomisch verwertbar ist.
Gerade darin liegt die Paradoxie: Das vermeintliche Gegenmodell zur modernen Erwerbsarbeit ist selbst Teil derselben Logik. Es ersetzt nicht den Markt, sondern integriert sich in ihn. Was hier sichtbar wird, ist kein Rückzug aus der Gegenwart, sondern eine spezifische Form, in ihr erfolgreich zu sein.
Was in der Manosphere als Stärke inszeniert wird, ist bei genauerem Hinsehen oft das Gegenteil. Dominanz, Kontrolle und emotionale Distanz sind kein Ausdruck von Sicherheit, sondern eine Reaktion auf Unsicherheit. Die Inszenierung von «Alpha-Männlichkeit» funktioniert wie eine Oberfläche: klar, geschlossen, unangreifbar. Gerade diese Überzeichnung verweist jedoch auf das, was darunter liegt.
Es handelt sich nicht primär um Stärke, sondern um eine Form von unverarbeiteter Verletzlichkeit. Erfahrungen von Unsicherheit, Zurückweisung oder Bedeutungsverlust werden nicht integriert, sondern überlagert – durch Leistung, durch Härte, durch Abgrenzung.
Dieses Muster ist nicht neu. In der psychologischen Forschung wird seit Langem darauf hingewiesen, dass Menschen häufig versuchen, nicht verarbeitete Unsicherheit mit Kontrolle und Überlegenheit zu überdecken. Auch in der Geschlechterforschung wird betont, dass solche Überzeichnungen von Männlichkeit weniger Ausdruck von Stärke als vielmehr eine Form kompensatorischer Praxis sind (vgl. Raewyn Connell). In diesem Sinne sind viele der dort vertretenen Modelle keine Lösungen, sondern Strategien der Vermeidung. Dass diese Strategien nicht tragen, zeigt sich in der permanenten Selbstbestätigung, die sie benötigen. Wer überzeugt ist, muss nicht ununterbrochen überzeugen.
Die Gegensätze zwischen Manosphere und der Inszenierung der «Tradwife» sind inszeniert. Die Logik dahinter ist dieselbe. Beide reduzieren Komplexität auf klare Rollen und übersetzen offene Fragen in eindeutige Antworten.
Männlichkeit wird zur Leistung, Weiblichkeit zur Anpassung. Beides lässt sich optimieren, darstellen und verkaufen. Die angebotenen Rollen sind nicht nur kulturelle Modelle, sondern ökonomische Produkte. Sie versprechen Orientierung, Zugehörigkeit und Bedeutung und knüpfen damit an Bedürfnisse an, die in einer unsicheren sozialen Umgebung besonders stark werden.
Was hier verhandelt wird, ist kein Kulturkampf. Es ist ein Markt, in dem Unsicherheit in Identität übersetzt und Identität in Ware verwandelt wird.
Bei aller Kritik ist eine Unterscheidung entscheidend: Wer produziert diese Narrative und wer orientiert sich an ihnen?
Die zentralen Akteure der Manosphere agieren nicht nur als Ideengeber, sondern als Unternehmer. Sie übersetzen Unsicherheit in Produkte: in Inhalte, Programme und Versprechen. Ihre Autorität speist sich nicht zuletzt aus ihrer Sichtbarkeit, und diese wiederum aus der Zuspitzung ihrer Aussagen.
Diejenigen hingegen, die diesen Angeboten folgen, sind in vielen Fällen nicht zynisch, sondern suchend. Sie reagieren auf reale Erfahrungen: auf soziale Unsicherheit, auf fehlende Anerkennung, auf biografische Brüche oder auf das Gefühl, den eigenen Platz in der Gesellschaft erst finden zu müssen.
In der pädagogischen und präventiven Arbeit wird in diesem Zusammenhang häufig vom «legitimen Kern» gesprochen, also von den nachvollziehbaren Anliegen, die bestimmten problematischen Haltungen zugrunde liegen können. Dazu gehören etwa Erfahrungen von Ausgrenzung, von ökonomischem Druck, von Orientierungslosigkeit oder von fehlenden Bezugspersonen.
Ähnliche strukturelle Spannungen zeigen sich auch in Bezug auf die Inszenierung von Weiblichkeit. Für viele Frauen ist die Erfahrung einer doppelten oder sogar dreifachen Belastung durch Erwerbsarbeit, Care-Arbeit und Mental- und Emotional-Load alltäglich. Wenn diese Belastungen mit ungleichen Verteilungen von Ressourcen und Anerkennung einhergehen, kann die Vorstellung eines Rückzugs in klar definierte, vermeintlich «natürliche» Rollen als entlastend erscheinen.
Der Wert des Menschen ist nicht an Leistung oder Rolle gebunden. Er muss weder erarbeitet noch verliehen werden
Aus meiner eigenen Praxis zeigt sich dabei immer wieder ein ähnliches Muster: Ideologische Angebote gewinnen insbesondere dort an Attraktivität, wo Menschen das Gefühl haben, keinen festen Platz in der Gesellschaft zu haben oder ihren eigenen Wert ständig unter Beweis stellen zu müssen.
Gerade für junge Männer können solche Konstellationen mit spezifischen Erwartungen verbunden sein, etwa der Vorstellung, für sich selbst oder für andere sorgen zu müssen, ohne über die notwendigen Ressourcen zu verfügen. In solchen Situationen kann das, was als Stärke inszeniert wird, auch als eine der wenigen verbleibenden Formen von Handlungsfähigkeit erscheinen. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum Modelle, die Kontrolle, Überlegenheit und klare Hierarchien versprechen, eine solche Anziehungskraft entfalten können. Wird dieser Druck durch Erfahrungen von Unsicherheit, Ablehnung oder fehlender Anerkennung verstärkt, entsteht eine Leerstelle, die durch einfache, klare Angebote gefüllt werden kann. Die Manosphere liefert genau solche Angebote: eindeutige Antworten, klare Hierarchien und ein Versprechen von Kontrolle. Dass diese Versprechen häufig mit Abwertung und Entmenschlichung anderer einhergehen, bleibt dabei oft im Hintergrund.
Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist nicht, ob die angebotenen Modelle von Männlichkeit und Weiblichkeit überzeugen. Die entscheidende Frage ist, warum sie gebraucht werden.
Solange Menschen den Eindruck haben, dass ihr Wert an Bedingungen geknüpft ist – an Leistung, an Anpassung, an die Erfüllung bestimmter Rollen – entsteht ein Bedarf nach Orientierung. Und wo dieser Bedarf besteht, entstehen Angebote, die ihn bedienen.
Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung daher nicht darin, neue Rollenbilder zu entwerfen oder bestehende zu verteidigen. Sondern darin, die Voraussetzungen zu hinterfragen, unter denen solche Rollen überhaupt notwendig erscheinen.
Aus einer ethischen Perspektive liesse sich dies auch anders formulieren: Der Wert des Menschen ist nicht an Leistung oder Rolle gebunden. Er muss weder erarbeitet noch verliehen werden. Die Herausforderung besteht weniger darin, ihn zu verdienen, als ihn anzuerkennen.
Gerade darin könnte auch eine andere Form von Männlichkeit liegen: Eine, die sich nicht über Kontrolle oder Überlegenheit definiert, sondern aktiv die Fähigkeit entwickelt, Unsicherheit auszuhalten und sich nicht permanent beweisen zu müssen.
Für mich stellt sich diese Frage nicht nur theoretisch, sondern ganz konkret. Als Mutter eines Sohnes geht es letztlich darum, Bedingungen zu schaffen, in denen ein Kind sich nicht erst beweisen muss, um sich als wertvoll zu erleben. Denn solange Menschen das Gefühl haben, ihren Wert verdienen zu müssen, wird es immer jemanden geben, der ihnen erklärt, wie das zu tun ist – und der daran verdient.
Dieser Artikel nimmt Gedanken und Konzepte verschiedener Vordenker*innen auf. Hier ein paar Lesetipps zum vertiefen: