Vaterschaftsurlaub

Der Vaterschaftsurlaub ist ein Gebot echter Männer-, Gleichstellungs- und Familienpolitik im 21. Jahrhundert. Die Schweiz ist das einzige Land in ganz Europa, welches weder eine bezahlte noch unbezahlte Auszeit für frischgebackene Väter kennt. Über 30 parlamentarische Vorstösse zu seiner Einführung scheiterten in den letzten Jahren an wechselnden Mehrheiten in Bundesbern. Dabei wünscht sich nach repräsentativen Umfragen eine satte Mehrheit von 80% einen Vaterschaftsurlaub. Angresichts dieser frappanten Diskrepanz von Politik und Volkswillen hat männer.ch zusammen mit alliance F, Travail.Suisse und Pro Familia die Volksinitiative «Für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub» lanciert und im Sommer 2017 eingereicht. Die Abstimmung wird voraussichtlich im Frühjahr/Sommer 2020 stattfinden.
 

Mehr Infos zur Volksinitiative: www.vaterschaftsurlaub.ch

Was will die Initiative? Väter sollen das Recht bekommen, im ersten Jahr nach Geburt ihres Kindes 20 Tage Urlaub zu beziehen, entweder en bloc oder tageweise. In Anlehnung an die Vergütung bei Mutterschaft und Militärdienst werden dem Vater für die Dauer des Urlaubs 80% seines Gehalts vergütet, bis zu einem maximalen Tagesansatz von Fr. 196.-. Diese gesetzliche Vaterschaftsversicherung wird durch die EO finanziert.

Was bringt der 20-tägige Vaterschaftsurlaub für die Männerpolitik? Aus männerpolitischer Sicht bringt der Vaterschaftsurlaub die längst fällige Anerkennung von Gesellschaft und Staat, dass Väter vollwertige Eltern sind. Hört sich nach einer Binsenwahrheit an? Ist es nicht! Das traditionelle Männlichkeitsverständnis versteht den Mann als Ernährer. Er zeugt das Kind und hat danach primär für das finanzielle Auskommen der Familie zu sorgen. Er geht also raus, verdient das Geld und, höchstens als Supplement, findet er am Abend und am Wochenende etwas Zeit, um mit den Kindern zu spielen. Im Haushalt, an der Erziehung, der Betreuungs- und Sorgearbeit ist der Mann von gestern nicht beteiligt. So überholt dieses Geschlechterverständnis auch scheint, es durchdringt noch immer grosse Teile unserer Gesellschaft und Politik. Anders lässt sich nicht erklären, dass die Politik seit über 30 Jahren den Verfassungsauftrag missachten, in der Schweiz «rechtliche und tatsächliche Gleichstellung» herzustellen. Es ist dieses überholte Rollenverständnis, dass die Lohnungleichheit zwischen Mann und Frau 2019 noch möglich macht oder dass Vätern bis vor Kurzem im Scheidungsfall i.d.R. das Sorgerecht abgesprochen wurde – in zahlreichen Fällen, ohne Rücksicht auf tatsächliche Betreuungsverhältnisse. Deshalb: Der Vaterschaftsurlaub bekräftigt, dass Vätern eine aktive Erzieherrolle in der Familie zusteht. Dass er gleiche Rechte und Pflichten hat wie die Mutter. Dass es normal werden muss für beide Eltern, gleichberechtigt Erziehungs- wie auch Erwerbsarbeit zu leisten. Zum Wohle der Kinder, der Partner_innen und nicht zuletzt zum eigenen Wohle als Mann und Vater.

Welche Rolle spielt der Vaterschaftsurlaub für die Gleichstellung von Mann und Frau? Immer noch leisten Mütter den Grossteil der unbezahlten Familien- und Haushaltsarbeit. Der Unterschied in der aufgewendeten Zeit zwischen den beiden Geschlechtern ist mit 10 Wochenstunden allerdings auf einen historischen Tiefststand gesunken. Väter leisten indes rund 12 Wochenstunden mehr Erwerbsarbeit als Mütter. Trotz höherem Betreuungsengagement reduziert nur 1 von 10 Männern sein Erwerbspensum aufgrund der Vaterschaft, obwohl 9 von 10 sich dies wünschen. Dies läuft auf eine dauerhafte Mehrbelastung hinaus, und zeigt, dass es mit der Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit nicht weit her ist.

Heute tragen Mütter allein das Karriererisko «Familiengründung», da die rationale Wahl für junge Familien i.d.R. darin besteht, dass der Vater die Erwerbsarbeit in unverändertem Vollpensum aufrechterhält. Die Folgen sind bekannt: Der Karrierknick der Mutter setzt sich in einem dauerhaft niedrigeren Einkommen und fehlenden Aufstiegschancen fort. Das Potenzial gut ausgebildeter Frauen als Fachkräfte liegt brach. Die dauerhaft tiefere Erwerbsbeteiligung schlägt sich nieder in einer mannigfachen Benachteiligung von Frauen bei der Rente.

Es ist erwiesen, dass Väter, die ihr Kind bereits als Säugling betreuen, sich auch nachhaltig in der Erziehung engagieren. Die früh erlernten Kompetenzen befähigen nicht nur zur selbständigen Erziehungsarbeit, sondern bestärken die Männer auch im Willen, sich dauerhaft, substanziell und eigenständig in der Familienarbeit einzubringen.

20 Tage Vaterschaftsurlaub, wie sie die Initiative fordert, bedeutet wahre Präsenz des Vaters im prägenden ersten Lebensjahr des Kindes. Gegenüber dem Gegenvorschlag bieten 20 Tage eine echte Veränderung, die sich durch die flexiblen Bezugsmöglichkeiten noch potenziert. Heute schon beziehen viele Väter ein bis zwei Wochen Ferien, um die Mutter in den ersten Tagen nach der Geburt zu unterstützen, bevor sie wieder ihr Vollzeitpensum aufnehmen. Mit 20 Tagen lässt sich diese wichtige Phase verdoppeln oder aber das Pensum während 15 Wochen auf 80% reduzieren, wenn man sich für einen tageweisen Bezug entscheidet. Nur so ist sichergestellt, dass einerseits der Vater ausreichend Zeit allein mit dem Kind verbringen kann, um die selbständige Erziehungskompetenz zu erlangen, und dass anderseits der Mutter der Wiedereinstieg ins Berufsleben erleichtert wird. Beides sind erwiesenermassen entscheidende Faktoren, um nachhaltig ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Familien- und Erwerbsarbeit von beiden Eltern – und damit Gleichstellung – zu verwirklichen.

Warum lohnt sich der Vaterschaftsurlaub für die Wirtschaft? Fast im Wochenrhythmus machen Grossunternehmen (und Verwaltungen) Schlagzeilen mit der Einführung von Vaterzeit (oder Elternurlaub) auf eigene Kosten. Die von männer.ch befragten Unternehmen geben eine breite Palette von Gründen an für diesen pionierhaften Schritt: Sie reichen von der gesteigerten Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt, über stärkeres Commitment der Mitarbeitenden, bis hin zu gezielter Frauenförderung (Fachkräftepotenzial ausschöpfen), Imagepflege, Gesundheitsförderung/-erhaltung und «Schritt halten mit der gesellschaftlichen Entwicklung».

Kurzum: Der Vaterschaftsurlaub ist ein Mittel für Wettbewerbsfähigkeit auf dem Personalmarkt. Somit ist er ein geeignetes Mittel gegen den Fachkräftemangel, mit dem sich die Schweiz konfrontiert sieht und der sich in den kommenden Jahren verstärken dürfte.

Ein Blick auf andere Exportnationen, und somit direkte Konkurrenten auf dem Personalmarkt, offenbart in aller Deutlichkeit die Diskrepanz bezüglich der familienpolitischen Regelungen. Dies ist umso bedenklicher, als die Einwanderung von qualifizierten Fachkräften (z.B. aus Deutschland) zurückgeht.

Gleich lange Spiesse für KMUs und Grossunternehmen Es ist davon auszugehen, dass der Vaterschaftsurlaub sich künftig immer grösserer Beliebtheit erfreuen wird. Dabei können sich etwa Grossunternehmen schon heute ohne gesetzlich verankerte «Versicherungslösung» grosszügigere Kompensationen für junge Familien leisten. KMUs hingegen sind auf einen solidarisch finanzierten Vaterschaftsurlaub angewiesen um im Wettbewerb um Fachkräfte bestehen zu können. Dies ist auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit: Das Kind eines KMU-Angestellten soll ebenso auf einen präsenten Vater zählen dürfen wie jenes eines Beschäftigten im multinationalen Grosskonzern.

Das KMU-Land Schweiz braucht einen gesetzlich verankerten, sozialpartnerschaftlich finanzierten Vaterschaftsurlaub. Den KMU wird ein solcher aber nur dann dienen, wenn seine Leistungen nicht weit hinter jenen von globalen Grossunternehmen zurückbleiben.

Hier geht’s zum KMU-Komitee für den Vaterschaftsurlaub: www.100-pro.ch

Volksinitiative vs. Gegenvorschlag Der Druck der Volksinitiative ist nicht ohne Wirkung geblieben. Die Sozialkommission des Ständerats hat im Herbst 2018 mit einem indirekten Gegenvorschlag reagiert. Der Gegenvorschlag unterscheidet sich wesentlich in einem Punkt von der Volksinitiative: Er will ihn halbieren auf zwei Wochen. Er ist damit unzureichend.

Der Unterschied zur Volksinitiative ist weit mehr als nur gradueller Natur. Er ist wesentlich.

Denn: Nur ein Vaterschaftsurlaub von mindestens 20 Tagen Dauer …

  • stärkt die Erwerbskontinuität der Mütter und leistet so einen echten Beitrag gegen den Fachkräftemangel,
  • sticht als Argument im internationalen Wettkampf um die besten Arbeitskräfte,
  • erhöht das väterliche Engagement zum Wohl der Kinder auch langfristig und nachhaltig und befördert die wichtige Bindung zwischen Kind und Vater,
  • verteilt das «Karriere-Risiko Elternschaft» fair zwischen Mutter und Vater.

Nicht zu vergessen: Mit dem zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub verleiht der Gesetzgeber dieser wirkungslosen Lösung das Gütesiegel und etabliert ihn auf Jahre hinaus zum neuen Standard. Es droht ein familienpolitischer Rückschritt. Für zahlreiche Unternehmen dürfte nämlich ein Anreiz entstehen, keinen weitergehenden, grosszügigeren Vaterschaftsurlaub anzubieten.

Angesichts der grosszügigen Leistungen im benachbarten Ausland, der sich verändernden Ansprüche der Arbeitnehmenden an Flexibilität und Familienverträglichkeit und der sich abzeichnenden Umwälzungen der Wirtschaft (Alterung, Digitalisierung) ist klar: Die Zeit ist reif für mutige Reformschritte. 20 Tage Vaterschaftsurlaub sind das Minimum, mit dem sich noch eine wahrnehmbare Veränderung zum unbefriedigenden Status Quo realisieren lässt.

MenCare Report 2: Vaterschaftsurlaub Schweiz

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