Fachtagung «Familiengründung als vulnerable Phase»

Fachtagung «Familiengründung als vulnerable Phase»

Fachtagung «Familiengründung als vulnerable Phase»

Datum:
22.08.2019 - 23.08.2019
Zeit:
Ganztägig

Veranstaltungsort
Universität Zürich


Psychisch gesund im Spannungsfeld zwischen Glück und Überforderung?

Fachtagung an der Universität Zürich, gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Klinische Psychologie der Universität Zürich (Schwerpunkt Kinder/Jugendliche und Paare/Familien) und dem Netzwerk Psychische Gesundheit Schweiz (NPG).

Obwohl ein grosser, sinnstiftender Wunsch von vielen, ist die Familiengründung doch auch eine anspruchsvolle und sensible Entwicklungsphase. Lebensrealitäten verändern sich durch die Bedürfnisse der Neugeborenen fundamental, Zeitautonomie wird immer mehr zum Fremdwort. All dies führt für zahlreiche Paare zu Grenzerfahrungen hinsichtlich der körperlichen und psychischen Belastbarkeit.

Zudem vollzieht sich bei vielen Paaren aufgrund bestehender äusserer Rahmenbedingungen und konservativer Wertvorstellungen oftmals ein Traditionalisierungsschub hin zur klassischen Rollenverteilung. Obwohl sich die Rahmenbedingungen seitens Politik und Wirtschaft in den letzten Jahren etwas verbessert haben, ist das Verständnis für die Tragweite der Elternschaft und ihrer Belastungen sowie für die benötigten politischen Voraussetzungen im internationalen Vergleich bescheiden geblieben.

Die Fachtagung «Familiengründung als vulnerable Phase» reflektiert aktuelle Forschungsergebnisse, theoretische Erkenntnisse und praktische Erfahrungen aus verschiedenen Fachbereichen kritisch. Im Fokus steht die Frage, was heutige Familien auf psychologischer, mikrosozialer und gesellschaftlicher Ebene benötigen, um den Entwicklungsschritt zur Familiengründung gesund bewältigen können. Wie können Fachleute, Wirtschaft und Staat Familien unterstützen?

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Interview mit Markus Theunert zur Aktualität des Themas

Fachtagung «Familiengründung als vulnerable Phase»

Wieso ist die Familiengründung zum jetzigen Zeitpunkt wichtig als öffentliches Thema? Familie wird in der Schweiz stark als «reine Privatsache» abgehandelt. Dabei ist die Evidenz sowohl gleichstellungs- wie gesundheitspolitisch völlig klar: Die Phase der Familiengründung ist nicht nur für die Familie selbst eine sensible Phase, sondern eben auch für die Chancengleichheit. Einerseits öffnet sich genau zum Zeitpunkt der Familiengründung die Traditionsschere zwischen den Geschlechtern: die frisch gebackenen Mütter reduzieren ihre Erwerbsarbeit oder hören ganz auf damit – und die Väter steigern im statistischen Schnitt noch ihr Pensum. Andererseits beginnen zur gleichen Zeit auch die sozialen Ungleichheitsmechanismen zu wirken. Denn je nach familiärem Umfeld haben schon Babies ganz unterschiedliche Lern- und Erlebniswelten, entwickeln sich unterschiedlich rasch und gesund. Beide Scheren lassen sich in einer liberalen Gesellschaft nicht rechtfertigen, zumal beide lebenslang (nach)wirken. Es ist deshalb wichtig, dass Fachleute die Politik und Öffentlichkeit mit den Fakten konfrontieren und begründen, warum es eine umfassende Politik der frühen Kindheit braucht. Die Schweiz ist hier arg im Rückstand. Zum Glück hat die Diskussion aber in den letzten ein zwei Jahren – stark vorangetrieben durch die Ready!-Allianz – an Fahrt aufgenommen.

Welche Rolle hat männer.ch bei der Mitwirkung an der Fachtagung und was erhofft sich die Organisation davon? Wir sind gemeinsam mit der Universität Zürich und dem Netzwerk Psychische Gesundheit Teil der Trägerschaft. Dass wir mit so renommierten Organisationen eine Fachtagung mit nationaler Ausstrahlung organisieren können, ist für uns an sich bereits eine schöne Anerkennung. Wir verbinden aber durchaus fachliche Hoffnung mit dem Anlass, insbesondere dass es gelingt, Fachleute aus der psychosozialen Versorgung für die spezifischen Herausforderungen und Bedürfnissen von Männern/Vätern zu sensibilisieren. Für die ganze Trägerschaft ist es zudem wichtig, neben der mikrosozialen Ebene immer auch die strukturelle Ebene – also die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen – mit in den Blick zu nehmen.

Wie wirken sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen rund um die Familiengründung auf die psychischen Gesundheit der werdenden Eltern aus? Ganz direkt. Das Fehlen eines Vaterschaftsurlaubs ist ein schönes Beispiel dafür. Seine Abwesenheit belastet einerseits das Familiensystem und sorgt für zusätzlichen Stress, da der frisch gebackene Vater überhaupt keine Zeit für die Unterstützung von Frau und Baby hat, sondern am nächsten Tag wieder im Büro erwartet wird, als sei nichts geschehen (sofern er nicht Ferien bezieht, die aber eigentlich für die Erholung bestimmt sind). Andererseits beginnt damit die Entfremdung der beiden Elternteile: Sie erwirbt sich im Nu einen massiven Kompetenzvorsprung in der Kinderbetreuung, verliert aber den Anschluss ans Erwerbsleben. Er findet seine Bestätigung in der Erwerbsarbeit, wird aber daheim fast zwangsläufig zum «Erziehungs-Assistenten». Und Beides hat massive Folgen: auf die Paarbeziehung, auf die Eltern-Kind-Beziehung, auf die beiden Elternteile, ihr Wohlbefinden und ihr Selbstwert.

Welchen Mehrwert bringt ein geschlechtsspezifischer Blick auf das Thema Familiengründung? Ein Beispiel: Mütter schütten während Schwangerschaft und Geburt das «Sorgehormon» Prolaktin aus. Das ist ein biologischer Automatismus. Der männliche Körper kann das auch. Er braucht dafür aber die unmittelbare Beziehung zum neugeborenen Kind. Das müssen Fachleute wissen. Mir gefällt das Beispiel auch deshalb, weil es zeigt, dass Männer und Frauen zwar unterschiedliche Anlagen, aber gleiche Potenziale mitbringen. Diese Potenziale gleichwertig zu fördern: Das ist auch eine Aufgabe der Fachleute.

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